Kosmos, Kulturfilter, Lifestyle

Wo bleibt die modische Emanzipation des Mannes!?

blogger-bazaar-manner-modedemokratie
blogger-bazaar-manner-modedemokratie

Wir definieren uns durch Zugehörigkeit und Abgrenzung, durch Gemeinsamkeiten und Unterschiede, durch Geschmäcker, Bildung, politische Einstellung, Lebensstil und Wellenlängen. Dabei ist keine dieser Variablen so stark, wie das Geschlecht. Wir unterteilen in männlich und weiblich, sogar noch vor der Geburt: „Ist es ein Junge oder Mädchen?“ ist wahrscheinlich die Frage, die ein schwangeres Pärchen am frequentiertesten hört. Auch unser erster Eindruck wird erst einmal vom dominanten Äußeren bestimmt – Geruch, Sympathie und Gefühl kommen erst später und auf nächster Nähe. Aus der Entfernung werden wir dafür immer durch Physis, Haltung, Gestik, Haarschnitt und besonders Kleidung eine binäre Einteilung treffen: Mann, Frau oder etwas dazwischen. Die letztere Einschätzung verwirrt uns Wesen mit sozial und gesellschaftlich konstruierten Geschlechtervorstellungen meist weiterhin und wir bedienen uns dem Raster das wir kennen. ‚Ein Mann, der mal eine Frau war oder andersherum, eine Frau, die ein Mann sein möchte, ein Mann, der sich wie eine Frau kleidet, schwul, lesbisch, queer, trans, inter, a?’ Warum überhaupt brauchen wir diese Einteilungen, sind wir nicht alle Menschen und alle gleich, die einen stärker, die anderen einfühlsamer und wieder andere charismatischer? Wieso bringt uns ein Rock an einem heterosexuellen Mann derart in Verwirrung, dass wir seine Sexualität oder gar seine Männlichkeit infrage stellen?

Frauen dürfen sich dafür mittlerweile aus der Männerabteilung bedienen, und in ihre Boyfriend Jeans schlüpfen, ohne schräg angeschaut zu werden. Um zu diesem Punkt zu kommen, bedurfte es einem langen Prozess, der Emanzipation samt Coco Chanel etc. Scheinbar scheint es heute für beide Geschlechter ok zu sein sich mit “männlichen” Attributen zu schmücken, doch das “Weibliche” ist vor allem wenn Männer sich dazu herablassen nicht akzeptiert. 
 
Wo bleibt die modische Emanzipation des Mannes!?
holding-jaden-smith-louis-vuitton-1

Jaden Smith for Louis Vuitton Women’s Spring 2016

Ok, die Gleichstellungs- und Gleichberechtigungsdebatte ist noch gar nicht so alt: Bis ins 20. Jahrhundert war es ein weitverbreiteter Glaube in der westlichen Gesellschaft, dass Frauen und Männer natürliche, wie soziale Unterschiede aufweisen würden und die Frau dem Mann untergeordnet sei. Männlichkeit und maskuline Züge wurden als die Norm und damit als wünschenswert wahrgenommen. Männliche Eigenschaften wurden somit als positive und weibliche als negative Merkmale aufgefasst. Das Bessere, das Schlechtere. Das Starke und das Schwache. Die Frau als Antithese zum starken Versorger, die Frau als Ehefrau, Mutter, Sexobjekt und Haushälterin. Schwach, emotional, außer Kontrolle und gekünstelt.

Interessant ist dabei der Ansatz zu sagen, dass Geschlecht oder Gender nur kreiert sei. ‚Doing Gender’ ist ein Konzept von Candace West und Don H. Zimmermann, das schon 1987 erkannte, dass das Geschlecht vor allem ‚performed’ wird und diese Performance ein vielmehr angelerntes, als vererbtes Verhalten ist. Schon als Kleinkind werden wir aufgrund unserer Geschlechter unterschiedlich behandelt. Der Junge soll nicht mit Puppen spielen, Nagellack tragen oder weinen. Für ein Mädchen schickt es sich nicht sich im Sandkasten zu raufen. Es geht also nicht darum, wie man sich verhalten will, sondern was man glaubt, was von einem erwartet wird. Geschlecht ist also ein soziales Phänomen, ein Resultat von menschlichem Verhalten. Judith Butler führt dieses Gedankenspiel mit ‚Undoing Gender’ sogar noch weiter in dem sie sagt, dass Gender wiederrum dekonstruiert werden könne, indem wir uns nicht mehr diesen binären Erwartungsmaßstäben entsprechend verhielten. Für uns Frauen hat das bisher gut funktioniert: In den 20ern fingen wir an Hosen zu tragen und uns an das männliche ‚Ideal’ im Sinne von Stärke und Toughheit anzupassen, haben Jobs angenommen und uns von traditionellen Rollenbildern befreit. Für den Mann allerdings hat diese Bewegung nie wirklich stattgefunden. Er ist geblieben, wo er war und hat sein männliches Geburtsprivileg in eine Patriarchie verwandelt. Dieses ‚male privilege’ mag auf den ersten Blick seiner Bezeichnung entsprechen, auf den zweiten versteckt sich dahinter ein enormer Druck den Erwartungen gerecht zu werden, die ein heterosexueller Mann in unserer Gesellschaft erfüllen muss. Stärke zeigen, Emotionen und Verwundbarkeit verstecken, Hosen tragen. Wer hier als moderner Mann Abweichungen vom ‚Ideal’ zeigt, muss so sehr mit seiner Männlichkeit im Reinen sein, dass Infragestellungen der Maskulinität diese nicht erschüttern.

Selbst wir, in unserer kleinen, linksorientierten Akademiker-Bubble, wir, die versuchen diese Stereotypen anzufechten, hinterfragen immer noch Sexualität und Gender bei kleinen Irregularitäten von der heteronormen Regel. Und so scheint ein Rock, ein Kleid, eine Strumpfhose an behaarten Beinen, ein Shirt mit Spitze, ein Hemd in weiblich konnotierter Farbe wie ein Angriff auf das Patriarchat zu sein, eine der letzten Möglichkeiten für eine komplette, totale und durchziehbare Gleichstellung und –berechtigung.

Wir müssen also Weiblichkeit von ihrem schlechten Image befreien und sie empowern. Wir müssen anerkennen, dass bestimmte Eigenschaften, Dinge und Kleidungsstücke, die als weiblich oder männlich assoziiert werden, nichts mit Geschlecht, sondern nur mit Charakter zu tun haben. Wenn Frauen männliche Attribute zeigen können, dann sollten Männer auch Weiblichkeit zeigen dürfen, ohne dass ihnen ihre Männlichkeit abgesprochen wird. Defacto sind alle Eigenschaften geschlechtslos und können von jedem und jeder verinnerlicht und ausgeübt werden. Um dies zu zeigen ist Mode ein unabdingbar wichtiges Tool.

f545aad93762105e6b7dc9454d8c14f2

Young Thug ‘Jeffery’

Designer und Prominente haben dies erkannt, so trägt Young Thug auf seinem 2016 erschienenen Mixtape ‚Jeffery’ ein hellblaues Volant-Kleid von Alessandro Trincone, Cis-gender und Hetero Jaden Smith modelt die Spring / Summer 2016 Womenswear-Kampagne von Louis Vuitton, die Traditionsmarken Gucci, Chanel, Givenchy und Saint Laurent brechen die Zyklen von getrennten Schauen auf und Hood by Air, Eckhaus Latta, Vejas und Vetements casten Models, die nicht den gängigen Maßen entsprechen, die keine klassische Agentur haben oder transgender sind. Auch dieses Jahr für die Spring / Summer 2018 Schauen wurde der Trend fortgeführt. Thom Browne, einer der bekanntesten Menswear-Designer überhaupt, schickt seine male Models in Highheels, Bleistiftröcken, kurzen Hosen und Maxikleidern über den Laufsteg. Loewes Männer tragen in der gleichen Saison bunt gemusterte Wickelkleider, 70s inspirierte Kastenmäntel, Croptops und tiefe Ausschnitte. Und auch Prada bedient sich an der Ästhetik, indem die aktuelle Menswear-Kollektion Mini-Shorts featuret. Es zeichnet sich ein Trend zur Modedemokratie für den Mann ab, lasst uns ihn auf die Straße und in die Kleiderschränke der Männer holen. Lasst uns ihn salonfähig machen, von der Subszene in Mainstream-Kreise holen. So kann ein Rock zum Symbol für Freiheit, für das Aufbrechen von Grenzen und für Gleichberechtigung werden.

Comments 4

  1. Ruby

    Guter Artikel! Wenn man sich allerdings die Männer Mode der 70er anschaut, dann sieht man, dass es damals bereits viele Trends und Einflüsse gab, die als traditionell weiblich galten, wie lange Haare, Heels, weite Ausschnitte etc.. Es wäre also interessant, sich damit zu beschäftigen, was in den späteren Jahrzehnten passiert ist, sprich Kalter Krieg oder Aids-Epidemie, so dass die Mode in der Hinsicht wieder zurückgerudert ist. Mode ist ja auch immer ein Spiegelbild der Gesellschaft.

  2. Moritz

    Sehr toller Artikel, einer meiner liebsten sogar. Finde dieses Thema sehr spannend und finde es somit toll dass ihr das auch aufgreift.

    • Lisa Banholzer

      Hey Moritz, schön, dass du es so spannend findest. Ich glaube hier ist vor allem noch in Deutschland ein wenig Toleranzarbeit nötig! ;)

Comments are closed.