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Melancholie am Wochenende (+ Moody Playlist)

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Es ist Samstag in Berlin, es regnet draußen, die Erdbeeren schmecken modrig und nach Vergänglichkeit. Es fühlt sich nach Herbst an. Ich atme durch, endlich habe ich Wochenende, endlich habe ich Zeit für mich. Hinter mir liegen vier Hardcore Event- und Arbeitswochen voller Druck, in denen ich mich selbst hinten angestellt habe. In denen ich alles links liegen gelassen habe, was keine Priorität hatte. Es war laut und aufregend und emotional. Jetzt ist es still und plötzlich ist da wieder Raum für die innere Stimme – für mein Ich.

Ich mache mir bewusst, ich bin Lisa Banholzer, ich bin 28, ich wohne in Berlin, heute ist der 08.09.2017. Es ist September. Gefühlt bestand mein Jahr nur aus Montagen und Sonntagen. Wo sind die Wochen hin? Alles Erlebte 2017 scheint zu verschwimmen. Ich versuche mir bewusst zu machen für was ich dankbar bin, was für ein Glück ich habe. Und trotzdem ist da dieses starke Gefühl von Melancholie, das nach heißen Phasen über mich bricht. Ich versuche dieses Gefühl anzunehmen, in mich hineinzuhören, es zuzulassen. Es ist okay, dass es einem nach all dem Hochgefühl auch mal nicht so gut geht, oder? Dass man auch mal traurig ist, vielleicht sogar grundlos.

Ich habe es sogar fast aufgegeben eine tägliche Balance zu finden. Es gibt Tage und Wochen, in denen ich fokussiert bin, vielleicht sogar süchtig danach Leistung zu erbringen und mir selbst zu beweisen, wie viel ich an einem Tag packen kann. Dabei stelle ich meine eigenen Bedürfnisse, die anderen Seiten der Lisa, hinten an. Was für mich daran besonders anstrengend ist, ist dieses “Beweisen”. Es sich selbst und anderen beweisen, dass man Power hat, Durchhaltevermögen, dass man professionell ist, hübsch und trotzdem smart, dass man Werte hat und diese lebt, auch oder gerade in dieser oberflächlichen Branche, dass man eine Message und einen guten Willen hat, etc. Ich habe oft oder in fast jedem Gespräch, wenn ich mich vorstelle und darüber rede, was ich beruflich mache, das Gefühl ich muss Leute vom Gegenteil ihrer Klischees zu Fashionleuten oder Bloggern überzeugen. Das macht müde. Am meisten will ich es mir selbst beweisen. Mich selbst davon überzeugen, dass ich richtig da bin, wo ich bin, dass ich hier reinpasse, dass ich meine Talente einsetze.

Ich gehe an die frische Luft, esse zwei Croissants bei Lindner, spaziere durch den Regen und telefoniere mit meiner Mutter. Ich vermisse meine Familie. Wieso lebe ich in einer Stadt, soweit entfernt von den Menschen die mich am meisten lieben? Wieso verliebe ich mich in einen Mann in NY?

Meine Mutter empfiehlt mir den Kinofilm “Weit.” und am Abend kullern mir die Tränen die Wange hinunter, während ich im Dunkeln in einer der sechs Reihen eines muffeligen Independent-Kinos sitze. Da wandert ein Paar vier Jahre um die Welt, trampt mit dubios aussehenden Fernfahrern in Sibirien, schläft im Zelt im wunderschönen Georgien, couchsurft im Iran und der Mongolei und trifft auf der ganzen Welt Menschen, die sie aufnehmen, die ihr Weniges mit ihnen teilen und sie mit in ihre Kultur nehmen. Sie erleben ganz stille Momente, skurrile Momente, echte Schicksale, pure, menschliche Begegnungen und reduzieren ihre eigenen Bedürfnisse auf das Geringste. Aber die beiden haben etwas was ihnen niemand nehmen kann: Diese Reise und ihr Kind, was auf der Reise geboren wird, schweißt die beiden wohl für immer zusammen.

Danach sitzen ich und Wana beim Italiener und denken darüber nach, wie schwierig es wohl sein muss, nach vier Jahren einer solchen Reise wieder irgendwo anzukommen, wieder einen Alltag zu finden, sich wieder in die Gesellschaft “einzugliedern”. Ich bewundere das Paar für ihren Mut und ihr Durchhaltevermögen und denke darüber nach wie “frei” sie sich wohl gefühlt haben, da draußen, ganz ohne Verpflichtungen und mit wenig Besitz. Und ich bin ein bisschen neidisch, wäre aber vielleicht zu ängstlich für einen solchen Schritt.

Mir wird wieder bewusst,  dass ich die Natur vermisse, mir fehlen stille, feine Momente. Mir fehlt mein Partner an meiner Seite, neben mir, der mit mir durch Dick und Dünn geht, für den ich stark sein muss, der für mich stark sein kann. Und ich nehme mir am Sonntag mal wieder vor mehr Balance in meinen Alltag zu bringen, wieder etwas mehr Achtsamkeit an den Tag und im Umgang mit meinen Mitmenschen zu legen. Ich weiß ich werde es nicht durchhalten, ich weiß es ist nicht immer möglich, aber es ist wichtig sich daran zu erinnern.

Comments 14

  1. Lila

    Diese Artikel sind der Grund warum ich euren Blog immer noch lese! Vieles ist mir über die Jahre fremd geworden, zu viel Fashion die nicht alltagstauglich ist (außer in Berlin), zu wenig Dinge die in eurer und meiner Altersgruppe realistisch sind.
    Trotzdem schaue ich noch ab und an vorbei, die letzte beiden trinke haben mir wieder gezeigt warum ich euren Blog weiterhin besuchen werde.

    • Lisa Banholzer

      Danke dir Lila, das wissen wir sehr zu schätzen. Das viele Outfits für dich nicht alltagstauglich sind tut mir Leid, wir wollen uns durch unsere Mode ausdrücken und tatsächlich hat sich unser Stil auch in den letzten 2 Jahren noch einmal enorm verändert und wir sind mutiger geworden und haben zu uns gefunden. Ich hoffe es ist trotzdem immer wieder mal was dabei, aber sonst kannst du uns auch Anregungen und Vorschläge geben, was du brauchst. Liebe Grüße, Lisa

  2. Amanda

    Wow! Regt sehr zum nachdenken an. Toll geschrieben!

  3. Andreas

    Liebe Lsa,
    es klingt jetzt verdammt blöd,aber: Ich bin froh, dass Du ein melancholisches WE erlebt hast. Bei uns in der Firma gibt es Fortbildungsveranstaltungen in “Arbeitsplatzorganisation”. Du brauchst die Fortbildung “Jetzt ist Lisa dran”. Mache Termine mit und für Dich. Zwischen 2 Kampagnen ein Wellness-Treatment für Dich, mit E-Mail-Austausch mit Deinem Liebling in NYC. Seit Februar 2017 habe ich begriffen: Du brennst Für Blogger Bazaar. BITTE verbrenne NICHT. BITTE arbeite daran, Dir Deine Kreativität und Freude am Job zu erhalten.
    DANKE, dass es Dich gibt, Du bist eine inspirierende Frau.
    LG aus Berlin-Zehlendorf von Andreas

  4. JuJohanna

    Toller Post,wichtiges Thema, interessante Gedanken – lese und höre (Podcast) so gerne von dir!

  5. Julia

    Irgendwie scheint das unsere Generation in der – nennen wir sie mal – Kreativbranche zu sein. Wir geben alles für unsere aktuellen Projekte, die zu unseren Babys werden und verlieren dabei den Blick für und auf vieles Andere. Und das ist eine Phase mit viel Stress und ohne viel Nachdenken vorbei und nach fünf Minuten Luftholen fängt der Kopf an zu rattern und man sieht, was man die ganze Zeit übersehen hat. Zack Boom, in your face. Und aus den toughen Ladies werden die, die auch mal wieder in den Arm genommen werden müssen und geliebt werden wollen. Ganz ohne Erfolg. Und wir nehmen uns vor, wie Du so schön geschrieben hast, dass wir ab sofort mehr auf uns Acht geben und mehr für uns und die wichtigen Menschen in unserem Leben tun. Und dann kommt da aber wieder dieses wahnsinnig tolle Projekt, bei dem wir uns beweisen können und wollen. Das wir mit Leidenschaft machen. Willkommen zurück in Work Mode. Vergessen ist das emotionale Down nach dem letzten Projekt und wir starten wieder. Es scheint der Kreislauf einer Generation zu sein – unserer Generation – von Ladies, die etwas erreichen wollen. Für sich, für andere, für ihre Leidenschaft, für wen auch immer. Und wenn ich dann mal mit etwas Abstand auf das Ganze schaue, merke ich, wie irrsinnig das Ganze eigentlich ist. Will ich überhaupt etwas dran ändern? Puh, bei mir ne schwere Frage. Momentan mache ich es jedenfalls nicht, aber der Gedanke daran taucht mit 34 immer öfter auf. Und es ist gut, dass Du sowas auch mal wieder ins Bewusstsein rufst – in mein Bewusstsein. Danke dafür, Lisa.
    Bin übrigens auf den Blogpost gestossen, weil ich gerade Papierkram erledige und dabei den Podcast höre.

    • Lisa Banholzer

      Hallo liebe Julia, dein Kommentar liest sich als ob du tatsächlich 100% fühlst, was ich fühle. Wieso aber geben wir uns so gerne auf für anderes und andere und wieso haben wir soviel Spaß daran uns ständig zu beweisen? Vielleicht weil wir denken, dass wir sonst nicht genug sind. Tatsächlich ist die Frage spannend, ob wir an diesem Kreislauf etwas ändern wollen oder können oder ob wir es insgeheim gut finden, solche Extreme zu empfinden. Wie schön, dass du diesen Text gelesen hast und Hörerin unseres Podcasts bist. Liebe Grüße aus NY, Lisa

      • Julia

        Hallo Lisa, jemand Smartes hat vor kurzem erst wieder zu mir gesagt, dass ein Teil davon auch das ist, was uns unsere Eltern mitgegeben haben und wie wir erzogen wurden. Wir gehören wohl noch zu dem Teil, der denkt, dass man seinen Job lieben muss und dass der Job nicht nur dazu da ist, einem das Leben zu finanzieren. Kurz nachgedacht, ja – ist auf jeden Fall bei mir ein größerer Funke Wahrheit dran. Und dann gibt es natürlich immer noch den Typ “Macher” und den “Ausführer” – und wenn man eher der Macher ist, scheint das so im Charakter verwurzelt zu sein, dass wir nicht einfach nur ein bisschen, sondern wenn schon denn schon das große Ganze wollen. Ja, trifft auch wieder auf mich zu. Vor nem halben Jahr hatte ich die Möglichkeit in einen “normaleren”, super bezahlten Job zu wechseln und musste mir vom HR anhören, dass ich mir doch bitte vorher mal Gedanken machen soll, ob ich mich bei den gegebenen Umständen nicht schnell langweilen würde. Im ersten Moment mag sich diese Frage komisch anhören, aber ja – genau davor hatte ich wirklich Angst und habe mich im nächsten Moment lieber wieder in die nächste Herausforderung gestürzt und die sichere Bank abgelehnt. Also habe ich mich bewusst gegen eine Änderung entschieden und irgendwie machen diese Extreme wohl mein Leben noch aus oder mit aus. Wie geil ist das denn bitte, wenn Du am Ende nach der ganzen Arbeit ein geniales Ergebnis siehst?! Love it. Das ist ein bisschen so wie lieber etwas zu verschenken, als Geschenke zu bekommen. Vielleicht würde ein Kind meine Perspektive ändern und auch mich. Es mag zwar egoistisch klingen und ich bewundere alle Mütter, die im Fulltime Mama sein aufgehen, aber so ganz ohne meinen Job … ich kann mir das noch nicht so vorstellen. Genieß NY und gönn Dir! Liebe Grüße, Julia

        • Lisa Banholzer

          Hallo liebe Julia, spannende Frage, ob dieses Streben auch von den Eltern mit initiiert wird. Tatsächlich sind meine Eltern beide nicht über ehrgeizig, aber definitiv sind sie mit ihrem vollen Herzen dabei. Vielleicht ist das mit der ständigen Suche nach Herausforderung auch etwas was in einem bestimmten Alter herrscht, so lange man auch so viel Energie hat. In der Liebe ist es ja auch bei vielen so, dass sie irgendwann genügend Abenteuer hatten und dann etwas “sicheres” suchen. Ich hoffe ehrlich nicht, dass ich für immer so einen Drang habe und nie innehalten und genießen kann. Aber eine gewisse Neugierde will ich mir auf jeden Fall behalten. Und ja, ein Kind verändert Prioritäten ganz bestimmt, das heißt nicht, dass du andere Leidenschaften aufgibst, ich glaube es verschiebt sich einfach nur. Das muss jeder für sich entscheiden. Und JA ich hab mir ordentlich gegönnt in NY! Haha.

  6. Lisa

    Ganz toll geschrieben. Das hat mich wirklich gepackt!

  7. Liebe Lisa,
    ich mag deine Texte und deine Einstellung und auch deinen inspirierenden Stil.
    Der Text hat, wie der Podcast auch, wirklich Tiefgang und spricht etwas an, das wahrscheinlich viele so empfinden, aber es vielleicht nicht so gern zugeben, weil sie es als Schwäche auslegen. Ich finde aber, es zuzulassen und sich bewusst damit auseinanderzusetzen, zeugt von Stärke.
    Danke für deine Gedanken.
    Liebst
    Eve von http://www.eveblogazine.com

    • Lisa Banholzer

      Hallo liebe Eve! Ja total! Ich glaube wirklich jeder empfindet das so, wenn er es zulassen würde! :*

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