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PERSONAL ISSUE / Podcast – #metoo und die Identitätskrise des Mannes

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Diesen Sommer saß ich mit guten Freunden in einer intimen Runde noch bis spät nachts zusammen und dabei kamen wir auf das Thema sexuelle Belästigung in der Kindheit, in der Jugend, im Alltag. Reihum hatte, ganz gleich welches Geschlecht oder aus welcher Generation, jeder eine traurige Erfahrung mit dem Thema gemacht. Ich war damals erschrocken, wie wirklich 5 von 5 eine persönliche Opfer-Geschichte beizutragen hatten: Ob in der Schule von einem Lehrer belästigt, von Fremden begrapscht, Männer die sich vor einem anfassen, die kein Nein akzeptieren wollen und Frauen zu Sex “überreden” wollen.

Unter dem Hashtag #MeToo teilen hauptsächlich Frauen im Moment weltweit in sozialen Netzwerken, wie sie Opfer meist männlicher sexueller Gewalt geworden sind. Dadurch erfährt das Thema ausgelöst durch den Skandal rund um den Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein wieder einmal eine Welle der Aufmerksamkeit, die dringend nötig scheint. Die Enthüllungen der New York Times und des New Yorker über die mehr als 40 Frauen, meist Schauspielerinnen, die Weinstein missbraucht und belästigt hat, sind beklemmend. Noch schlimmer scheint mir allerdings, dass dies keine Einzelfälle sind, sondern, dass vor uns ein systematisches, gesellschaftliches Problem steht, bei dessen Problemlösung meist auf die Opfer und nicht auf die Täter geschaut wird.

Klar ist: Auch Männer werden Opfer von sexueller Gewalt und es gibt auch Frauen, die ihre Grenzen nicht kennen. Doch meistens geht die sexuelle Belästigung eben von Männern aus, die scheinbar ihre Triebe nicht im Griff haben oder die Grenze bewusst oder unbewusst überschreiten. Sofort kommen Fragen auf, ob man sich als junge Frau oder eben auch als junger Mann davor schützen kann, ob wir unsere Kinder darauf vorbereiten können mit solchen Situationen umzugehen? Wie wichtig ist es für Mädchen Selbstverteidigung in der Schule zu lernen?

Die Reaktion auf meine Geschichte aus meiner Jugend, die ich mit euch auch im Podcast teile, fand sofort die Reaktion: “Lisa hatte eben immer schon eine sexuelle Ausstrahlung”. Darf mich deshalb ein Fremder als 14-Jährige zu einem Blowjob auffordern?

Und genau hier liegt das Problem: Unsere Gesellschaft hat uns beigebracht die Opfer, also meist Frauen, zu betrachten. Wir alle sind mit den warnenden Worten unserer Eltern und Belehrungen unserer Mütter zu sexy Outfits aufgewachsen. Wir alle wissen, wann wir besser die Straßenseite wechseln sollten. Aber wo lernt der aktive Part, wo lernen die eventuellen Täter wie sie ihre Triebe kontrollieren? Woher kommt das Bedürfnis nach sexueller Dominanz? Wo findet die Kommunikation unter und mit Männern statt, wie weit man gehen darf? Wann wird aus einem Flirt eine Belästigung? Der Übergang kann je nach dem von wem und auf welche Art und Weise die Anmache ausgeht, fließend sein. Der selbe dumme Spruch von einem süßen Typen im Kaffe, fühlt sich von einem angetrunkenen, weniger attraktiven Mann ganz anders und eventuell schon unangenehm an. Ganz schnell kann es von einer spielerischen Interaktion in Aufdringlichkeit kippen. Jede Frau hat es bestimmt erlebt, dass Männer nicht aufhören einen “rumbekommen” zu wollen, auch wenn man klar kommuniziert hat, dass Nichts laufen wird. Scheinbar scheint in der Natur einiger Männer der Wettbewerb, der Kampf, das Gewinnen zu liegen. “Rumbekommen” sagt ja schon, man überredet eine Frau zu etwas, was sie vielleicht gar nicht wirklich will und ist dann stolz darauf. Für manche Männer scheint ein ‘Nein’, eben kein ‘Nein’ zu sein. Wir sind über Abweisung als Koketterie, wie damals im 19ten Jahrhundert, hinaus – das Nein einer Frau ist kein gesellschaftliches Spiel mehr, bei dem der Mann herausgefordert wird, solange dran zu bleiben bis die Frau nachgibt. Wir Frauen wissen mittlerweile was uns gut tut, wir wissen, was wir wollen und wenn das Sex ist, dann können wir das klar kommunizieren.

Ein Freund von mir schreibt zu der #MeToo Kampagne, wie ich finde ganz treffend auf Facebook: “Das geht an all die Männer da draußen: Nur WIR können das ändern. Feminismus bräuchte es gar nicht, wenn wir uns in vielerlei Lebenslagen anders verhalten würden. Seid nett zueinander (zu Frauen wie auch Männern), respektiert ein “nein”, habt eure “Triebe” im Griff! Seid aufmerksam! Betreibt Aufklärung. Nur durch einen offenen Dialog lässt sich dies verändern. Seid ein Vorbild anderen Männern gegenüber. Das ist nicht die Aufgabe irgendeiner Frau. Wir sind das Problem und die Lösung.”

Schon fast tun mir die Männer etwas Leid, über die nun die #MeToo Welle hereinbricht. Für mich steckt der deutsche Mann schon längst in einer tiefen Identitätskrise. In der Erziehung, vom Elternhaus bis in die Schule fehlen männliche Vorbilder oder Bezugspersonen mit denen in geschütztem Rahmen, ganz ohne Profilierungszwang über intime Dinge, Ängste und Schwächen geredet werden kann. Wo reden Männer darüber was ein “moderner Mann” heute ist? Was habe ich für Hobbies mit meinen Kumpels, außer den Stereotypen, gemeinsames Saufen und “Aufreißen”? Wann fühlt sich etwas “männlich” an? Inwiefern definiert man sich überhaupt noch über sein Geschlecht?

In unserer immer noch patriarchalischen Gesellschaft ist vor allem Sexualität ein Thema, was in der Öffentlichkeit meist aus der männlichen Perspektive dargestellt wird. In Werbung, Filmen und Pornos wird Sex von Männern initiiert und forciert. Es geht um Performance und Wettbewerb, es geht darum möglichst viele Frauen, in möglichst vielen Stellungen, möglichst gefühlsbefreit abzufertigen. Aggressivität und Leistung stehen im Fokus und so bleibt gefühlt wenig Raum oder Muße für weibliche Sexualität, bzw. die Sensibilität für einen liebevollen, sinnlichen Umgang miteinander. Es wächst eine Generation an Jungs heran, die Aufklärung über brutalste Pornos online erfährt und die Dialoge braucht, um ein realistisches Bild von Sex, Lust und dem was Frauen und sie selbst wirklich glücklich macht zu bekommen.

Wir Frauen sprechen seit Jahrzehnten über uns, unsere Rolle, unsere Sexualität, wie wir uns kleiden und zu verhalten haben oder wollen und stehen in einem konstanten Austausch zu diesen Themen. Die Feminismus Debatte ist gerade wieder so lebendig, wie schon lange nicht mehr und die Emanzipation der Frau hat uns alle ein Stück aufgeklärter, reflektierter und sensibler für alltägliche Situationen werden lassen. Nun müssen Männer endlich genauer hinschauen und einen Dialog starten über ihre Position in der Gesellschaft, über das was Männlichkeit heute bedeuten kann.

Nicht nur die Männer sind dabei gefragt in diese Dialoge zu gehen und die Augen aufzumachen. Wir Frauen müssen Männern helfen sich selbst zu reflektieren, wir müssen kommunizieren, wie sich welcher Umgang mit uns anfühlt und ihnen Denkanstöße geben. Wir müssen sie befreien von den teilweise falschen Ansprüchen von Härte und Performance, die sie an sich selbst stellen und ihnen Raum für Emotionen und Schwäche geben. Es müssen Fragen gestellt werden: Hattest du schon einmal Zweifel wie angebracht etwas war oder ob du zu weit gegangen bist? Gibt es Grenzerfahrungen, wo du nicht einschätzen konntest, ob das über ein gesundes männliches Ego hinausgeht? Wie reagierst du, wenn dein Freund sich daneben benimmt?

Das Verhalten und die Rolle von Geschlechtern ist erlernt und nicht naturgegeben und wir können die Spielregeln gemeinsam umschreiben. Wir alle müssen den Mund aufmachen, wenn uns etwas passiert oder wenn wir Zeuge von Situationen von sexueller Belästigung werden. Bestimmt und selbstsicher, sagen was uns gegen den Strich geht und wieso eine bestimmte Grenze überschritten wurde, wieso wir uns nicht respektiert fühlen. Das ist anstrengend und kostet Mut. Aber wir stecken in einer Zeit des Umbruchs, wo sich Strukturen auflösen und neu finden müssen und die Männer dabei einiges an Nachholbedarf haben. Am besten wir fangen direkt in unserem Umkreis, mit unseren Partnern, unseren männlichen Freunden, Söhnen und Brüdern diesen Dialog an.

Comments 7

  1. Grossartiger Podcast – hat sich gelohnt!<3
    http://www.blogellive.com

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  2. Johanna

    Ich finde es wichtig, dass das Augenmerk auch mal auf den Mann gelegt und thematisiert wird, in welch einer schwierigen Situation Männer heutzutage stecken. Die Emanzipation der Frau ist schon lange Thema und schon lange steht die Frau für die freie Entscheidung ihrer Rolle in der Gesellschaft ein und es findet seit langem ein Wandel statt. Der Mann hingegen resigniert und steckt in einer Identitaskriese. Neben dem Wandel der Frau, die weiß was sie will und vor allem, wer sie sein will, steht der Mann vor einer Vielzahl an Identitätsvarianten die unterschiedlicher nicht sein können. Viele Jungs und Männer wissen sich nicht mehr einzuordnen in einer Welt, in der auf der einen Seite mehr Emotion und Schwäche und auf der anderen Seite Stärke und der “Eroberer” der Frau gefordert wird. Wo die Gleichberechtigung der Frau an der “Tagesordnung” steht, geht völlig unter, dass sich viele Männer in einer Resignation befinden und sich nicht trauen herauszufinden, was sie wollen, wer sie sind und in was für einer Rolle als Mann sie sich sehen. Ein Grund dafür ist, dass man von ihnen und ihrer Rolle in der Gesellschaft viel abverlangt und ihnen kaum Raum für einen eigenen Identitätseinwurf gelassen wird. Der Begriff Gleichberechtigung betrifft genauso den Mann, wie auch die Frau.

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  3. Lara

    Ein wirklich guter Beitrag! Es ist mir als Frau tatsächlich noch nie in den Sinn gekommen, dass ein Umdenken auch mal von den Männern ausgehen muss. Ziemlich traurig im Nachhinein…

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  4. Mouna

    Ich denke, ihr habt da einen ganz wesentlichen Punkt aufgezeigt. Bei der Suche nach einer Problemlösung richtet sich der Augenmerk immer in erster Linie auf das Opfer – egal ob weiblich oder männlich. Die Gesellschaft scheint sich mehr damit zu beschäftigen was man tun kann um kein Opfer zu werden, statt eine Antwort darauf zu finden, wie man vermeidet das ein Mensch überhaupt zum Täter wird.
    Dazu müssten sich die Menschen damit befassen, dass so jemand kein Monster aus einem Horrorfilmen ist, der überhaupt nichts mit einem selbst und seinen Wertvorstellungen zu tun hat. Man müsste realisieren, dass es oft der Nachbar, Onkel, Tante, Bruder, Cousine, Sohn, Freund oder Freundin etc. ist, von denen ich eigentlich immer dachte, dass sie gar keinen so schlechten Charakter haben. Die anderen sind natürlich alle Schweine, aber der ( die ) meint das ja überhaupt nicht so.
    Es beginnt auch schon hier: Wenn mein Lieblings – Onkel / Opa / Cousin / Bruder etc. einen sexistischen, homophoben oder auch rassistischen Witz macht, lache ich mit der Mehrheit oder weise ich daraufhin, dass ich es als falsch empfinde und trete in den Dialog? Bestätige ich eine Person in falschem Verhalten – weil es ja nicht so gemeint war – geht er / sie beim nächsten Mal vielleicht noch weiter. Und was viel wichtiger ist: Was lernt dann z.B. mein kleiner Bruder, Cousin etc. der vielleicht dabei war, aus dieser Situation?

    Wir sollten uns also auch selbst bewusst machen, wie wichtig auch schon so alltägliche Kleinigkeiten sind. Welche Rollenbilder und Verhaltensmuster jeder von uns – durch nicht ansprechen, bewusstes ignorieren und somit Akzeptanz – unterstützen.
    Großeltern, Väter, Lehrer und wer sonst einen Erziehungsauftrag hat ( somit fast jeder ) müssten sich auch damit auseinandersetzen wo sie selbst in ihrem Leben vielleicht schon eine Grenze überschritten haben, die ja eigentlich nicht so gemeint war. Ich denke nur so können veraltetes Rollenbilder neu diskutiert werden.

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    • Lisa Banholzer

      Hallo liebe Mouna, ich freue mich gerade so, dass du meinen Punkt verstehst! Es ist so einfach Täter einfach zu Monstern zu generalisieren, anstatt hinter die Kulisse zu schauen. Und es ist ja bewiesen, dass die meisten Missbräuche nicht von Fremden ausgehen, sondern von Bekannten, Freunden und Familie, also von eben “ganz normalen Männern”. Ganz liebe Grüße, Lisa

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    • Vanessa

      Absolut! Gerade dieses “Gib Onkel Theo mal ein Küsschen, der hat dich solange nicht gesehen” – wie soll ein Kind e lernen, dass es selbst bestimmen darf, was mit seinem Körper gemacht werden darf und was nicht, wenn man das nicht anerzogen bekommt oder eben mit solchen Aussagen Unsicherheit anerzieht? Selbst Mama und Papa sollte man kein Küsschen geben müssen, wenn man das nicht will. Und klar, i. d. R. ist Onkel Theo kein Triebtäter und alles ist gut, aber hier muss diese Einteilung eigentlich immer erfolgen und dem Kind das nicht nur vermitteln in Bezug auf Leute, die es nicht kennt.
      Im Berufsleben geht es ja weiter. Wenn im Büro “zotige” Kommenrate gerissen werden, wurde ich auch schon doof angeguckt, als ich gesagt habe, dass das für mich nicht in Ordnung geht und er solche Aussagen besser überdenken sollte. Nach dem Motto “Ahahahah, ach kommen Sie Frau XY, der Herr YX ist halt so – der ist noch von der alten Schule” – WTF? Alte Schule in 2017 geht aber nicht mehr und nehme ich nicht hin. Mir ist das dann auch latte, dass ich ggf. als “verklemmt” darstehe bei ihm. Den Unterschied zwischen respektlos und locker kennt er sowieso nicht und wenn das, so wie jetzt, dazu führt, dass er in meiner Gegenwart so etwas nicht äußert, ist es ein Gewinn. Und vielleicht führt das dazu, das hoffe ich, aber weiß ich nicht, dass er sich in Gegenwart anderer Frauen an mich erinnert und es im Zweifel runterschluckt.
      So! *ragemodeoff* Musste mich nur kurz mal aufregen, weil genau diese obige Situation noch recht frisch ist.

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  5. Chenize

    Ich gehöre zu der Generation, die durch Pornos verhunzelt wurde, keine Chance bekam, natürliche Sexualität zu entwicklen, sondern überschwemmt wurde mit falschen Darstellungen einer Sache, die eigentlich mit die Schönste der Welt sein soll. Zu bedauern, wie ungeschützt solche Inhalte im Netz schwirren, wie unzureichend die Aufklärung, wie machtlos die Eltern sind. Erst Jahre später entdeckte ich femme porn und hinfort waren die überspitzten Perversionen von rücksichtslosen, männlichen Regisseuren, hinfort die mechanische Sucht nach Befriedigung, hoffte ich zumindest, aber der Trieb zu mächtig entblößte ich mich vor Frauen, ein widerliches und mein Herz schmerzendes Verhalten. Ich hasste mich, hasste das Teil, hasste meinen Testosteronspiegel und begann, meine Identität in Frage zu stellen. Auffallend, von welcher anderen, besseren Aura Frauen umgeben sind, sie viel hübschere Kleidung tragen können, gefühlsvoller sind, und mich Männer mit Fußball, Stärke, Grölerei, Autos, Geilheit, Bier, brutalen Videospielen und Actionfilmen, Konkurrenz, Gangsterrap und Prahlerei nerven, entschloss ich mich zur Geschlechtsumwandlung. Heute höre ich Lindsay Lohan und Beyonce, kaufe Ballerinas und verzierte Kleidung, schaue Fashion Weeks und Faking It, tanze Zumba, mache Yoga und trainiere ausschließlich Po und Bauch, meine Gefühlslage hat sich verbessert, vor der Pubertät war ich noch weinerlich und vermisste das seit je her, Eine radikalere Änderung, denn für manche ist das Problem der Identität das Mannsein selbst, und nicht verschiedene Rollen darin. In meinen Romanen kommt kein Mann mehr vor.

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