Kosmos, Lifestyle, Personal Issue

BYE MUNICH: NEW CITY-NEW CHALLENGE

Bildschirmfoto 2015-08-05 um 16.24.20Fünf Jahre habe ich jetzt in München gewohnt und habe mich Schritt für Schritt und dann sehr heftig in diese Stadt verliebt. Vielleicht auch deshalb kam der Umzug nach Berlin für viele meiner Freunde plötzlich. Lena, Tanja und ich hatten schon seit einem halben Jahr darüber gesprochen was Berlin mit uns machen würde, wie zeitgeistig es dort ist und wie viel in unserer Branche dort geht. Tanja war hier definitiv die größte Verfechterin des Umzuges und setzte bei mir einen kleinen Gedankensamen, der über die Zeit in mir gedeihte und mit jedem Berlin-Besuch, wuchs in mir ein Bild weiter davon, wie mein Leben in Berlin aussehen könnte. Nun also ein neuer Lebensabschnitt in Berlin und die Frage: Was haben fünf Jahre München mit mir gemacht?

Als ich zum Studium nach München zog, hatte ich gerade sechs Monate in Paris gewohnt, wo ich viel Zeit alleine verbracht und gefühlt sehr zu mir gefunden hatte. Mit dem Selbstbewusstsein doch irgendwie überall ankommen zu können, zog ich ohne eine Person dort zu kennen in die bayrische Hauptstadt.

Und doch schaffte München es in der ersten Zeit Selbstzweifel in mir hervorzurufen. Auf der Straße sah ich täglich die blonden, langhaarigen Schönheiten mit ihren Louis Vuitton Taschen, die für mich damals einen uniformen Schick ausstrahlten. Ich ging ins P1, sang nachts „Stern des Südens“, Freundinnen von mir schleppten Bayern Spieler ab, die totale Bestätigung des weitverbreiteten München Klischees.

München ist eine Stadt die einen challenged, weil viele privilegierte Leute dort wohnen und leben und sich die Stadt durch hohe Lebenshaltungskosten und Mieten zu Eigen machen, weil man viele Erfolgsgeschichten zu hören bekommt, weil die Leute wissen, was zu sagen ist um andere zu beeindrucken. Genau das lernt man in München. Anfangs waren alle bei Drinks und Dinnern mit ihren Städtetrip- und Kitz -Stories Small Talk Gewinner. Mir fehlten diese kurzweiligen Stories und das Name Dropping. Für tiefere, personenbezogene Gespräche war in diesen Runden kein Platz oder einige Gläser Luganer zuviel getrunken worden. Wenn du schwach bist, keinen Bock auf das Spiel hast oder zu nüchtern bist, dann gehst du schnell wieder. Ich habe einige „Freunde“ wieder aus München gehen sehen, weil sie mit der Competition nicht klargekommen sind. Ich hingegen habe es als Herausforderung gesehen und das Freiburger Mädchen war neugierig die Spielregeln des Systems zu lernen, Verhaltensregeln zu studieren, sich selbst darin auszutesten und es für meine Leidenschaften und Ideen zu nutzen.

P1-Lisa Banholzer

Nach diversen Verirrungen verstand ich aber bald, dass sich das Anpassen an die wahrgenommene weiß-blaue Society Konformitäten nicht richtig anfühlte, Blusen und Steppwesten waren sowieso noch nie mein Style. Ich trennte mich von meinem Spießer-Freund, ging viel aus, färbte meine Haare Rot, traf bei Events und Nebenjobs neben der Uni interessante Menschen – abseits der Maximiliansstraße.

In jeder Stadt gibt es diese Local Heroes, die die Restaurantbesitzer und Djs kennen und keine 100 Meter durch ihre Hood gehen können ohne einen Bekannten zu treffen. Die Ansprechpartner für Ausgehtipps ihrer Szene sind und dir immer einen Gästelistenplatz besorgen können. Und das ist kein Fashion-Girl-Ding, auch der Rocker brüstet sich, wenn ihn der Barkeeper seiner Liebslingsbar mit Vornamen begrüßt.

Was diese Local Heroes ausmachen ist ein gewisser Wiedererkennungsfaktor, ein authentisches Anderssein, ein souveränes Selbstbewusstsein und eine Kommunikationsfähigkeit. Leute ansprechen, wenn man sich zum dritten Mal zufällig über den Weg läuft oder täglich im selben Kaffee den To Go holt, ein frecher Spruch. Ich liebe es und habe es geliebt Leute zusammenzubringen, groß einzuladen, Leute zu connecten und Freundeskreise verschmelzen zu lassen.

glamour

Seinen Beitrag dazu, dass mein Gesicht bei einigen mehr hängen blieb, haben sicher mein lautes und teilweise schrilles Auftreten geleistet, die roten Haare, mein lautes Lachen, diverse modische Experimente. Das ist garnicht unbedingt immer positiv gewesen, gerade bei Frauen glaube ich kam und komme ich heute noch, auf den ersten Blick als „too much“ rüber. Und das ist ok so, man kann nicht von allen gemocht werden und das wichtigste ist, dass man bei all der Entwicklung im Kern sich selbst treu bleibt.

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An einem gewissen Punkt, als ich dann auch wegen Blogger Bazaar auf noch mehr Events rumgehüpft oder verreist bin, merkte ich vor ein paar Monaten, dass das Ganze ein ungutes Mass annahm. Dass es nicht mehr Vergnügen war, sondern fast ein Zwang. Ich konnte keinen Abend mehr alleine zu Hause sein, mal nicht ausgehen, ich wollte es nicht zulassen dass mein Adrenalinlevel sinkt. Wollte immer länger und immer wieder auf dieser Welle reiten, sie beherrschen und nicht mehr davon runterkommen.

Es fühlte sich fast an wie eine Sucht nach Bestätigung und nach Aussagen wie: „Du bist ja auch nur noch unterwegs“, „Wo wart ihr jetzt überall?“, „Scheint ja super bei euch zu laufen!“ Ich wollte die Powerfrau sein, die überall ist, überall gut aussieht und entertained, represented.

Und nicht diejenige, die nach sechs Wochen Non-stop-Teamtravelling alleine mit ihrem Koffer in der unaufgeräumten Wohnung sitzt.

Aber kennt ihr das, wenn ihr nach einem Abend alleine im Taxi sitzt und irgendwie traurig seid und euch eigentlich an kein Gespräch des Abends wirklich erinnert? Wer von diesen Menschen hat einen wirklich gesehen? Wer hat sich wirklich dafür interessiert wie es mir geht und genauso, für wen von diesen Gesichtern interessiere ich mich tatsächlich?

An einem gewissen Punkt machte auch mein Körper nicht mehr mit. Bestimmt haben es einige von euch auf Snapchat mitbekommen, dass ich über einen Monat krank war und mehrmals Antibiotikum nehmen musste. Der Stress, das Reisen, wenig Schlaf, kein Sport, unregelmässige Ernährung, Zigaretten und Alkohol ließen die Nebenwirkungen dieses aktiven Lifestyles nicht lange auf sich warten.

Diese Art von Selbstreflektion soll nicht bedeuten, dass ich Dinge bereue oder mich um 180 Grad verändern will. Ich liebe es unterwegs und aktiv zu sein, ich liebe es unter Menschen zu sein, ich habe mich unfassbar lebendig gefühlt, es ist Teil von mir und meiner Persönlichkeit.  Aber ich habe verstanden, dass ich Pausen brauche, dass ich lernen muss alleine zu sein, dass meine Freunde, die mich richtig kennen, die Kritik üben, die mir Tee machen, wenn ich krank bin, tausend Mal wichtiger sind als Szene Fame und Bar Bekanntschaften. Die Herausforderung in Berlin ist nun ein Gleichgewicht zu finden.

Ich bin dankbar, dass München mich das gelehrt hat, ich an der Herausforderung gewachsen bin und nach einem Jahr viele wunderschöne, herzliche, echte Orte und Menschen in München kennenlernen und hinter die Fassade des ersten Eindrucks der Stadt dringen durfte. Und! Ich liebe auch den ungekünstelten, alten Glamour den München neben all dem Glitter hat.

Tatsächlich musste ich mir vor dem Umzug jetzt schon einige Mal anhören, dass Berlin mein Untergang sein und mich fressen wird, wie ein hungriges Tier, gegen welches ich nicht ankomme. Jede Stadt, jede Umgebung macht etwas mit dir. So wie München seine Einflüsse hatte, wird sie auch Berlin haben. Aber das Entscheidende ist doch, mit welchem Bewusstsein und Plan man in eine Stadt geht, mit einer Vorstellung und einem Willen, wie man leben will. Dieser und jeder Neubeginn an einem anderen Ort birgt die Chance sich neu zu erfinden und zu definieren, wer man sein will ohne sich selbst zu verleugnen. Ihr dürft also genauso gespannt wie ich sein, was Berlin mit uns macht.

Berlin- du Moloch! Here I come and I accept the new challenge!

 

Comments 13

  1. Wow, ich bin wirklich beeindruckt von deinem Artikel und hab ihn regelrecht verschlungen. Das fühlt sich an wie wahre Worte die aus deinem Inneren kommen. Toll und danke das du deine Erfahrungen (vor allem über München, da hört man ja doch so viel wie versnobt es ist) so ehrlich mitteilst. Und natürlich ganz viel Glück für Berlin, dass du dort dein Gleichgewicht findest.

    • Lisa Banholzer

      Julia, tatsächlich sind das sehr ehrliche und persönliche Worte, die einfach so aus mir herausgesprudelt sind. Schön, dass das bei dir auch so rüber kam! :* Keep you updated!

  2. Lisa

    Lisl, was für ein schöner Blick zurück und nach vorne! Ich wünsch dir was in dieser schönen hässlichen neuen Stadt mit all ihren Facetten. Thumbs up
    Grüße von der anderen Lisl B. 🙂

    • Lisa Banholzer

      LISL 😀 :* Love it! Danke dir für deine lieben Wünsche

  3. Gina

    Toller Text, tolle Worte und vor allem tolle Message
    Ich bin sehr gespannt, was Berlit mit dir macht 😉 vllt sieht man sich mal, denn Berlin ist meine Heimat

    Liebe Grüße
    Gina

    • Lisa Banholzer

      ganz bestimmt! So groß ist Berlin ja dann doch nicht, dass man sich nie über den Weg laufen würde 😉

  4. Wow, ziemlich ehrlicher Beitrag! Ich wünsch dir, dass du dein “Mittelding” findest!

    Viele Grüße aus Bayern,
    Fiona

    • Lisa Banholzer

      Fiooona! Danke für diesen guten Wunsch! Und weißt du was, ich glaube ich bin genau auf dem Weg zum Mittelding! 🙂

  5. Annika

    Gute Entscheidung! Habe der Schickimickiszene vor etwa 4 Jahren den Rücken gekehrt und es seit dem keine Minute bereut. Berlin hat alles, was München hat, nur noch viel mehr davon und toller 🙂 Und wenn Du halbwegs zu Dir gefunden hat, können Dir Berghain & Co. nichts anhaben.

    • Lisa Banholzer

      Annika! 🙂 Nach den ersten zwei Wochen fühlt es sich auch genau so an! Danke für deine Worte! :*

  6. Ellen

    Sich selbst als Local Hero zu bezeichnen ist ja schon mal dermaßen daneben.

    “Ich konnte keinen Abend mehr alleine zu Hause sein, mal nicht ausgehen, ich wollte es nicht zulassen dass mein Adrenalinlevel sinkt. Wollte immer länger und immer wieder auf dieser Welle reiten, sie beherrschen und nicht mehr davon runterkommen.” oder “Ich trennte mich von meinem Spießer-Freund”
    Du selbst scheinst die Person zu sein, die du am Anfang kritisierst. Vielleicht nicht spießig, aber gewaltsam wichtig.

    • Lisa Banholzer

      Klar bin ich die Person, die ich am Anfang kritisiere. Es geht in dem Post um eine kritische Selbstreflexion. Und ja ich war in gewisser Hinsicht in meiner Branche ein “Local Hero” und wie du in meinem Text lesen kannst, ist das auch nicht nur positiv gemeint. Es geht ja genau darum festzustellen, dass es nicht gut tut, zwanghaft wichtig sein zu wollen, sondern sein Gleichgewicht zu finden.

  7. Mega toller Beitrag! Ich finde den Text gerade irgendwie wahnsinnig inspirierend! ❤️❤️ Bin grade selbst nach Berlin gezogen und ich denke das war eine der besten Entscheidungen die ich je getroffen habe! ?

    XX,
    Photography & Fashion Blog

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    ❤️

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