Kosmos, Personal Issue

EGO WOCHENENDE – DIE SOZIALE PAUSE

Facetune-2016022823268752Ich bin mit zwei jüngeren Schwestern und einer hyperaktiven Mutter aufgewachsen, was dafür gesorgt hat, dass bei uns im Haus immer etwas los war. Unter der Woche lief Klein-Lisa lachend nach den Hausaufgaben zur Tanzschule, danach zum Querflötenunterricht und von da aus zum Reiten. Der Tag konnte für mich schon damals nie genügend Stunden haben. Am Wochenende waren Ausflüge oder Besuch angesagt, teilweise zum Leidwesen meines Vaters. Er scheint der einzige in meiner Familie zu sein, der ein natürliches Bedürfnis nach Momenten für sich und sozialen Pausen hat. Gesund auch ein Stück weit. Ich kam dagegen eher nach meiner Mutter und vermisste es in meiner 1 Zimmer Wohnung in München dann sofort Leute einladen zu können und Gastgeber zu sein. Weil das Alleine-Wohnen sich dann plötzlich gruselig still anhörte und meine Wohnung nicht besonders gemütlich war, ließ ich mich in meiner Studentenzeit in München dazu verführen relativ viel auszugehen. Also echt viel. Ich war eigentlich nur zum schlafen und umziehen in der Wohnung. In Lernphasen wurde mir dieser soziale Drang dann zum Verhängnis. Ich beobachtete, dass Männer es schafften sich ganze Wochen zum Lernen einzusperren, nur noch in Lederhosen in der Bibliothek saßen und jegliche soziale Aktivitäten vollkommen ausblendeten. Bemerkenswert, da ich höchstens einen Tag ohne wenigstens ein Telefonat mit einer Freundin oder einer gemeinsamen Kaffeepause auskam. Halten Frauen da grundsätzlich das Alleinsein schlechter aus? Selbst wenn es zu ihrem Vorteil wäre?

Mit Lena und Tanja habe ich eine weitere kleine Familie dazu gewonnen, mit der ich in ständigem Austausch stehe, eigentlich mehr auch als mit meiner tatsächlichen Familie. 😀 Ich bin es gewohnt und dankbar die beiden ständig als Ansprechpartner zu haben. Zu unserer Arbeit gehören Events am Abend und am Wochenende dazu und durch Blogger Bazaar sowie unsere Kommunikation auf den sozialen Medien kamen tausend neue Gesichter und Bekannte dazu und einige davon, die wahre Freunde geworden sind. Und trotzdem meine soziale Frequenz ist auf Anschlag. Ich habe oft das Gefühl, dass ich besonders meiner Familie und alten Freunden nicht mehr gerecht werde.

Was da dann auch zu kurz kommt ist die Zeit mit sich selbst. Ich habe nicht gelernt ganze Tage nichts zu tun und sich einfach nur auszuruhen. Dass “sich ausruhen” überhaupt eine legitime Beschäftigung ist, wenn man nicht gerade 39 Grad Fieber hat, musste ich erst lernen. Seit ich in Berlin wohne habe ich mir vorgenommen regelmässig Ego-Wochenenden oder soziale Pausen einzulegen, in denen ich mich zur Langeweile zwinge und das Alleinsein übe.

So zum Beispiel dieses Wochenende, an dem Tanja und Lena vereist und beschäftigt sind und ich mich seit Freitag Abend zu Hause eingesperrt habe. 50% der Zeit habe ich geschlafen und weitere 50% habe ich Dinge gemacht, die mich glücklich machen und für die ich sonst keine Zeit habe. Ich habe mir zwei fette Zeitungen und einen Stapel Zeitschriften gekauft, ich habe Platten meines Vaters und Deutschlandfunk angehört, die letzten ZDF neo Folgen nachgeschaut, ein Bad genommen und unfassbar viel gegessen und zwar alles worauf ich Lust hatte. Ego-Wochenende eben. Erschreckend fand ich wieviel ich schlafen konnte und welche Stories mein Unterbewusstsein wohl endlich verarbeiten konnte. Denn mit einer solchen Pause gibt man seiner Seele erst einmal wieder Raum bestimmte emotionale Geschichten, die man sonst immer an die Seite schiebt, weil funktionieren wichtiger ist, zu verarbeiten. Ich sage bewusst “zwingen” denn Alleinsein ist nichts, was sich für mich im ersten Moment natürlich oder gut anfühlt. Aber solche Tage alleine genießen zu können kann man lernen und den Zwang des immer- alles-teilen-wollens kann man unterdrücken.

Frei von den Vorlieben und Vorstellungen anderer kann man sich dann überlegen, was einen in diesem Moment glücklich macht, wie man für sich ganz alleine seinen Tag gestalten möchte, ohne Kompromisse. Das hilft mir mich selbst immer besser kennenzulernen.

Wir alle werden immer wieder in Phasen unserer Leben gezwungen alleine zu sein und das zu können, anstatt sich aus falschen Gründen, falsche Gesellschaft zu holen, hat für mich etwas mit Erwachsensein zu tun. Und wenn ich mit mir so ganz im Reinen bin, mich selbst gut kenne, funktioniere ich auch als Glied in einem sozialen Gefüge besser und kann die Zeit mit meinen Liebsten noch mehr genießen.

Klar, und über den freitäglichen Partybildern und -nachrichten muss man drüber stehen. Oder man schaltet sein Handy einfach mal aus.

 

Comments 2

  1. Schöner Beitrag!
    Das “alleinsein” muss man lernen und mögen 😉 Ich hab auch lieber Menschen um mich, aber manchmal ist es auch schön ein Wochenende oder ein paar Tage alleine zu sein, Dinge zu verarbeiten und ein bisschen zur Ruhe zu kommen 😉
    Finde ich schön, dass du dir das mal gegönnt hast!

    Viele Grüße,
    Fiona

  2. Ab und zu ein bisschen Zeit nur für sich tut richtig gut! Aber ansonsten habe ich gerne meine Lieben um mich herum. 🙂

    Liebe Grüße
    Kathi

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