Personal Issue

PERSONAL ISSUE – PLÖTZLICH KEINE HOBBIES MEHR

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Wer bist du? Wie heißt du? Woher kommst du? Was machst du? Wir alle sind auf diese Fragen mit standardisierten Antworten vorbereitet und rattern meist nur noch monoton unseren Text runter. Wir definieren unseren Job, erzählen immer die selben Anekdoten, beschreiben unsere unfassbar wichtigen Aufgaben und prestigeträchtigen Projekte. Aber wer bin ich neben all diesem Einstudierten? Neben all dem was ich darstelle? Neben all dem was zu meinem Erfolg in meinem Beruf und damit in der Gesellschaft beiträgt?

Und dann werde ich gefragt: Und was machst du noch so, was rein gar nichts mit Mode und Bloggen und dem ganzen Lifestyle zu tun hat? Und ich komme kurz ins Stocken.

Wer viel und hart arbeitet, Erfolg haben will, Karriere macht, der fokussiert sich. Stellt alles scheinbar Unwichtige auf Sparflamme. Aber was ist mit meinen Eigenschaften, Interessen, Hobbies und Talenten, die nicht zum beruflichen Erfolg führen, aber trotzdem zu meiner Persönlichkeit gehören? Lassen wir diese verkümmern?

Mein Vater hat mir zu meinem letzten Geburtstag einen langen Brief geschrieben, der mir viel bedeutet hat. Ich habe viel von dem Biss und dem Ehrgeiz und meinem Streben nach “mehr” von ihm. Er ist derjenige, der während ich und meine Schwestern aufgewachsen sind Karriere gemacht hat, viel gereist ist, den schicken Geschäftswagen fuhr, genervt nach Hause gekommen ist, immer unter Druck stand.

Heute in meiner Arbeitssituation und als Selbstständige kann ich das unfassbar gut nachfühlen und eifere ihm vielleicht auch unterbewusst nach. Umso mehr haben mich seine Worte berührt, denn neben all der Power sind wir beide sehr sensible, soziale und kreative Menschen. Diesen Teil von mir will ich nicht verkümmern lassen und weiter pflegen, sonst bleibe ich nicht der Mensch, der ich bin und wie ich mich selbst mag.

Gehen wir den Weg doch einmal zurück – wir gehen zur Schule, entwickeln Interessen, haben zwei Hände voll Hobbies, finden und verlieren Freunde, orientieren uns beruflich, ziehen uns an, ziehen uns um, ziehen uns aus. Irgendwann bleibt man an einer Sache hängen, weil sie Spaß macht, weil sie einen bereichert, weil sie einen vor Herausforderungen stellt und weil eine Aufgabe uns erfüllt. Um sich selbst nicht in all dem zu verlieren ist es so wichtig sich zu erinnern. Was hat mich schon damals glücklich gemacht und in welchem Momenten habe ich mich ganz ich selbst gefühlt?

Das waren lange Entdeckungstouren in meiner Zeit in Paris, wo ich auf mich allein gestellt das Geheimnis der Stadt und seine Menschen erkundet habe. Das sind Erlebnisse mit meinen Freunden und meiner Familie in der Natur, das ist Kunst, Malen, Musizieren und Tanzen. Immer wieder versuche ich diese Dinge auch ins Bloggen und in meinen Job mit hineinzunehmen aber mindestens genauso wichtig ist es diese “Hobbies” oder lieber Interessen für mich auszuleben, nicht auf Social Media auszuspielen.

Denn gerade in der selbstreferentiellen Welt des Bloggens, beobachte ich, dass man oft unbewusst sich im Kreis, um sich selbst und in einer Blase dreht. In den visuellen Medien ist so oft kein Platz für Persönlichkeit, sondern eben äußerliche Dinge bringen den Erfolg. Trotzdem glaube ich daran, dass Persönlichkeit für einen wahren Wiedererkennungswert und wahre Authentizität sorgen.

Individualität heißt hierbei auch Arbeit und sich Zeit nehmen, mal bewusst woanders hinzuschauen. Natürlich ist es einfacher und bequemer immer nur aufzunehmen und sich mit dem zu beschäftigen, was täglich in meinem Feed läuft und auf meinem Schreibtisch liegt. Bei dem Zeitmangel durch Reisen, Emails, Events, Fotos und sich dazwischen noch einigermaßen gesund und in Schuss zu halten, kann man niemandem einen Vorwurf machen, der die Süddeutsche nicht täglich durcharbeitet. Darum geht es nicht. Wichtig ist es zu sehen, dass wir in einer Blase sind, bewusst hinauszutreten und bewusst anderen Menschen, die mit all dem nichts zu tun haben, zuzuhören, andere Lebensmodelle zu sehen. Die Realität. Wenn ich Blogger höre, die denken, sie können nur noch mit Bloggern befreundet sein, weil sie sich von anderen nicht verstanden fühlen, macht mich das traurig und nachdenklich.

Deshalb lautete auch mein Tip an alle Newcomer-Blogger, die sich beim GraziaXH&M Award beworben haben: Macht es euch nicht zu bequem in dieser Blase! Denkt an alle Facetten eurer Personality und entwickelt diese weiter und behaltet euch alte Freunde. Leute die mehr von euch kennen, als das was ihr darstellt. Ich glaube fest daran, dass dann erst wahre Authentizität als Erfolgsfaktor im Bloggen möglich ist.

Vielleicht machen stückweit Kleider Leute, aber größtenteils macht der Mensch das Getragene lebendig. Mode kann nur dann an einem Menschen wirken und seine Magie entfalten, wenn da mehr als nur eine Fassade ist, etwas zum unterstreichen und entflammen. Mode kann nur dann eine Message sein, wenn der Tragende eine Message hat und die bekommt man nicht nur durch das Scrollen auf Instagram.

Comments 17

  1. Charlotte

    Dieser Post gefaellt mir richtig gut. Ist mal erfrischend diese Perspektive des Bloggerlebens zu erforschen.

  2. Marie-Christin

    Hey ihr lieben, der Artikel ist super! Ich hab noch nie irgenwo kommentiert, aber jetzt musste ich es einfach mal tun! Ich finde es enorm wichtig grade in unserer heutigen medialen Welt sich selbst nicht aus den Augen zu verlieren und nurnoch zur Show zu stellen für andere Leute. Heutzutage kreieren wir ein Bild von uns, von dem wir denken, andre würden es mögen – aber mögen wir es selber?! Wir verbringen so viel Zeit in sozialen Netzwerken, sollten aber genauso viel Zeit unseren Lieben schenken und einfach nur die Person sein, die wir im Herzen schon immer waren und auch sein wollen! Nicht weil andere es vermeintlich erwarten, sondern weil wir es selber sind. So genug philosophiert..wollte ja eigentlich nur sagen wie sehr mir der Artikel gefallen hat und das ich es enorm wichtig finde auch mal so Themen aufzugreifen, damit das Leben nicht zu oberflächlich wird. Liebe Grüße, Marie

    • Lisa Banholzer

      Liebe Marie-Christin, danke für deinen ERSTEN Blog-Kommentar und dass du mitgedacht hast. Ich finde deine Frage so schön und wichtig formuliert: Leben wir ein Leben, den anderen zum Gefallen, oder uns selbst? Ich glaube das ist so fast der Kern der Sache. Liebe Grüße aus Berlin.

  3. Schöne Worte!

  4. Liebe Lisa,

    dein Beitrag hat mich wirklich berührt, denn ich kenne das, was du schreibst, auch aus anderen Branchen. Ich habe früher in der PR u.a. sowohl für internationale Design-Wettbewerbe als auch Filmfestivals gearbeitet. Viele meiner Freunde sind zudem stark in der Theater-Musik und Kunstszene verwurzelt. Und auch aus den Bereichen kann man das was du berichtest übertragen.

    Es glitzert für Außenstehene – dieses schöne Welt voll cosmopolitschen Flair. Und Alle und alles so außergewöhnlich! NOT. In Wirklichkeit sind diese Welten sehr klein. Und es gibt dann auch nur noch diese Eine. Denn man arbeitet schließlich für die Karriere rund um die Uhr – in genau seiner Branche. Und auch das Auswählen nach Leuten in “ist der wichtig” erlebe ich oft.

    Und da spielen auch Äußerlichkeiten eine große Rolle. So passiert es mir selbst öfters, dass bestimmte Menschen in der Kunst- oder Kulturszene sich angeregt mit mir unterhalten, wenn ich gerade mit einer einflussreichen Person dastehe (mit der ich aber zusammen dort bin, weil man sich privat mag, sich was zu erzählen und Spaß zusammen hat) oder ein besonders elegantes auffallendes Outfit anhabe (“Du bist doch diese Schauspielerin!” “Öhm… Ne, nur modeaffin.”). Diese Menschen einen aber am nächsten Tag beim Bäcker nicht grüßen können, oder wenn man mit Freunden, die nicht aus ihrem “Metier” stammen auftaucht, “übersehen”.

    Ich bin auch jemand, der sich in Sachen reinhängt. Aber ich wähle mein Umfeld nicht nach seiner Profession und Status aus. Das halte ich ehrlich geschrieben auch einfach für KLEINGEISTIG.

    Genauso wenig wie glatte Menschen ohne Meinung und Kanten. Also, das Gegenteil von Euch. Grien! Das macht euch, eine Masha Sedgwick, Cloudy Z und v.a. dich persönlich so sympathisch.

    Denn glücklicherweise sind nicht alle so wie oben beschrieben und das ist auch meine Meinung: Die Guten finden sich immer! Isso,

    Egal wo man in die Welt (denn die ist ja eigentlich sehr groß, bunt und unhomogen) hinaus schreitet.

    So, ganz schön viel Text. Puh. Erstmal atmen, Du siehst also, zumindest mich hast du mit deinen Worten erreicht. Und wunderbar zu lesen, man empfindet das nicht allein nur so. Nur mit den Hobbies pflegen, da hab ich auch noch keine Lösung gefunden (schrieb es und starrte auf den dicken Stapel ungelesener Bücher .)

    Liebe Grüße aus Hypezig

    • Lisa Banholzer

      WOW! Was für ein Kommentar! Danke für die Zeit, die du dir genommen hast, dich reinzudenken. Sehr spannend wie dieses Konzept übertragbar ist auf so einige Branchen, die sich verkapseln. Dabei ist es doch viel spannender ganz unterschiedliche inspirierende Menschen um sich zu haben aus ganz unterschiedlichen Bereichen. Lass uns versuchen das beizubehalten und Menschen mit den falschen Intentionen als Blender zu enttarnen. Und das mit den Hobbies daran müssen wir alle wohl arbeiten und lernen manchmal eben egoistisch zu sein und nein zu anderen Dingen zu sagen. Nein zu Dingen die wir nur für andere tun, selbst aber nicht fühlen. Liebe Grüße aus Berlin, Lisa.

  5. Flora

    Ein unheimlich toller beitragl liebe Lisa. Super geschrieben und in ihm steckt soviel wahres. Behalte dir deine erfrischende Art bei.

    • Lisa Banholzer

      Danke! 🙂 Freue mich sehr, dass ihr das zu schätzen wisst.

  6. Maria

    Hallo Lisa, ein ganz toller, persönlicher Beitrag! Ich denke an Persönlichkeit fehlt es dir kein Stück. Ich finde es super wie du deinen Weg gehst – du bist eine der wenigen Blogger die mich wirklich inspiriert und das weil du vorallem authentisch wirkst! Behalte dir das bei. Alles Liebe für dich und die anderen Mädels.

  7. Eva Massmann

    oh wie wahr. Auch auf der anderen Seite des Businesses, und da stehe ich, treten diese Herausforderungen auf. Ich denke virle erfolgreiche Frauen und Männer kennen das. Plötzlich gibt es nur noch Job (ob Blogger, PRler oder Berater ist dabei wahrscheinlich zweitrangig) Wenn ich doch mal um halb sechs das Büro abschließe und Menschen mich anschauen, ganz nach dem Motto: Sie hat ein Leben außerhalb von L’Oréal? Oh ja das habe ich! Oder wenn ich eine Einladung, ein Dinner, eine Party nicht wahrnehme, weil mir einfach mehr nach Bett und gutem Buch ist…”Wie kannst Du das verpassen?” Ich liebe mein Leben mit all den Facetten. Mit all den Partys, Reisen, Produkten und Menschen, die ich treffe aber genauso liebe ich die paar Stunden des Tages, die in völliger Ruhe und Abgeschiedenheit stattfinden, in denen ich nur das mache was ICH will. Du sprichst mir aus der Seele 🙂

  8. Das hast du ganz wunderbar ausgedrückt und du hast so Recht mit dem was du schreibst. Genau darüber habe ich mir in der letzten Zeit auch oft Gedanken gemacht.

  9. Das hast du echt super ausgedrückt und du hast so Recht mit dem was du schreibst! Genau darüber habe ich mir in letzter Zeit auch viele Gedanken gemacht. Es ist wahnsinnig wichtig sich selbst und seinen Wurzeln treu zu bleiben und hin und wieder einfach nur ein Mensch zu sein, ein Freund, eine Tochter.. kein Blogger, kein Fitness-addict, kein Entrepreneur, kein Jetsetter- einfach nur man selber.

  10. seit anfang 2015 verfolge ich diese entwicklung, bloggen, instagram, snapchat und co. immer stille mitleserin, beobachterin und sich gedanken machende…… ich bin fast 30 jahre älter und war von dieser entwicklung erst total fasziniert. heute, bald 2 jahre später frage ich mich, hätte ich mich damals in dem alter auch dafür entschieden.
    dein beitrag liebe lisa hat mich wieder neugierig gemacht. das freut mich, weil ich hatte schon das interesse verloren. schaut man sich heute auf insta die “bekannten” oder nicht so bekannten profile durch, dann merkt man leider sehr schnell wie sich alles ähnlich ist.
    entwicklung ist wichtig, an sich arbeiten und sich treu bleiben ist wichtig. ich weiss jetzt das ich keine bloggerin geworden wäre, aber ich freue mich das ich auch in meinem alter interesse an dieser entwicklung habe *schmunzel* danke für diesen tollen beitrag.
    servus aus dem sonnigen wien, Karin

  11. Finde diesen Post echt super, denn viele Außenstehede denken ja oft, dass Blogger nur auf das Geld oder die Sachen aus sind, die man von Firmen oder Labels zugeschickt kriegt, obwohl das nun mal gar nicht simmt. Sehr erfrischend, mal wieder sowas zu lesen! 🙂 <3

  12. Liebe Lisa, was für wundervolle und wahre Worte. Ich finde auch, dass es ganz ganz wichtig ist, regelmäßig aus dieser Blase heraus zu kommen, sie von einer gewissen Distanz zu betrachten und sich auf die anderen Facetten seiner Persönlichkeit zu konzentrieren. Ich freu mich auf mehr solche inspirierende Beiträge!

    Alles Liebe,

    Pazi

  13. Julia

    Ein wirklicher toller und mal etwas anderer Beitrag Lisa, der wirklich zum Nachdenken anregt! Vielen Dank dafür!!

  14. […] dieser von Lisa oder dieser von Masha führen genau zum selben Punkt: Irgendwann kommt der Moment einer […]

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