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Die Berechtigung der Berliner Fashion Week

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Letzte Woche, als wir auf der Berliner Fashion Week unterwegs waren, ist uns aufgefallen, dass die Modewochen in der deutschen Hauptstadt in Nebensätzen, während Smalltalks, aber auch auf großen Konferenzen, belächelt werden. Sie werden wie ein Guilty Pleasure behandelt: Etwas, das man macht, aber für das man sich ein wenig schämt. Wir haben uns gefragt warum das so ist und was wir dagegen tun können.

Die Berliner Fashion Week ist verschrien, sie wird als Stiefkind der traditionellen Modestädte gehandelt – Paris, Mailand, London und New York nehmen in der internationalen, wie nationalen Presse die Rollen enttäuschter Eltern ein. Berlin zieht mit und unterpositioniert sich selbst. Aber müssen wir uns den Superstädten wirklich geschlagen geben? Müssen wir uns tatsächlich für Berlin rechtfertigen?

Gerade hat das deutsche Workwear Label GmbH seine F/W 17 Menswear Kollektion in Paris vorgestellt. Von der VOGUE als Berliner Version Vetements charakterisiert. Von Social Media- und Streetstyle-Ikonen jetzt schon als Next Big Player erkoren. High Fashion Brands, wie Hugo Boss, Jil Sander, Kostas Murkudis oder Damir Doma, aber auch Sportmarken, wie adidas und Puma zeigen längst nicht mehr in der deutschen Start up-Geburtsstätte. Der Designer des aktuellen und schon zwei Jahre andauernden Modemoments Demna Gvasalia, Gründungsmitglied von Vetements und Kreativdirektor von Balenciaga, hat georgische Wurzeln, wächst jedoch in Düsseldorf auf. Er verlässt die Stadt um an der Royal Academy of Fine Arts in Antwerpen Modedesign zu studieren, die er dann wiederrum für die Marke Maison Martin Margiela und Paris zurücklässt. Auch Karl Lagerfeld, Deutschlands größter und offensichtlichster Modeexport, entscheidet sich gegen Hamburg und für die Stadt der nummerierten Bezirke, Zwiebelsuppe und Rotwein. Germany is a Leaver, Paris a Keeper.

Wir müssen Designern, wie William Fan, Perret Schaad oder Sadak, dankbar sein, dass sie zu der deutschen Hauptstadt halten, dass sie ihre Kollektionen, die auf einem Weltmarkt mithalten könnten, hier präsentieren und sich nicht für andere Modewochen entscheiden. Durch sie bekommt die Berliner Fashion Week ihre Berechtigung und auch ihr Ziel.

Berlin kreiert und exportiert Designtalente. Neuer Nachwuchs wird nicht importiert oder an die Stadt gebunden. Dabei gibt es eine ganze Liste deutscher Modedesigner, die weltweit die Industrie prägen. Unser Gedankenexperiment beschäftigt sich mit der Frage: Wie erfolgreich wäre die Berlin Fashion Week hätte sie es geschafft all ihre Schöpfungen an sich zu binden, hier zu vereinen und weiter zu fördern? Und wie hätte sie es schaffen können? Wie Dandy Diary sagt: „Es fehlt ein Gremium“, die Exklusivität wird nicht gewahrt und deutsche Designer zeigen lieber global, als lokal. Stellen wir uns ein Museum vor, das nicht kuratiert wurde. Einen Concept-Store ohne Leitlinie und Einkäufer. Es würde Hochwertiges mit weniger Qualitativem gemischt und Beidem die gleiche Bedeutung beigemessen werden. Doch hat ein Teil von High Fashion Brand Nobi Talai die gleiche Mode-Berechtigung wie eines von einer Kette wie Laurèl? Sollte eine Fashion Week und ein Fashion Council Germany nicht Handwerk, Designprozesse und Zeitgeistnähe in ihrer Auswahl berücksichtigen und ein einheitliches Profil erschaffen?

Persönlichkeiten, wie Christoph Amend, Chefredakteur des ZEITmagazins, Tillmann Prüfer, der Style Director des Magazins, und Christiane Arp, die deutsche Chefredakteurin der VOGUE, leiten jedes Jahr die ZEITmagazin Konferenz Mode & Stil und führen mit selektiven Einladungen und Interviews durch aktuelle Trend- oder Überthemen. Gerade diese drei könnten als Teil eines Gremiums durch eine gezielte Auswahl von Labels und stärkere Kontrollen das Niveau der Modewoche re-installieren. Der Berliner Mode Salon zeigt genau solch eine Vorauswahl und könnte damit einen neuen Standard setzen.

Die Pariser zelebrieren den französischen Chic, die Mailänder das italienische Prestige, die Londoner den urbanen Stil und die New Yorker die Innovation. Es sind die Einwohner, die das Feeling leben und sich mit der Mode der Stadt identifizieren. Es wurde ihnen anerzogen. Eine Stadt wie Berlin muss diesen Stolz erst lernen, denn sie haben nie einen eigenen Stil mit Alleinstellungsmerkmal entwickeln können. Die Länder zelebrieren ihre Designer und unterstützen sie hin zur Selbstständigkeit. Den Designern im Ausland wurde unter die, gut bekleideten, Arme gegriffen. Es geht um Nachhaltigkeit, nicht nur im Sinne der Umwelt, sondern vor allem im Sinne von langlebiger Unterstützung. Aktion, Ambition, Kuration und Reaktion, wünschen wir uns für die deutschen Modewochen.

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Comments 3

  1. Ich finde es gut das ihr euch einsetzt für die Fashion Week Berlin. Man hört von vielen Seiten nur Kritik (dieses Mal wegen der Location und weil keine großen Designer dabei sind), aber keiner tut was dagegen, oder besser gesagt dafür. Ich war auch in Berlin bei der Fashion Week, und war wie immer begeistert, Es ist in Deutschland das einzige große Modeevent dieser Art und es wäre sehr schade wenn es das nicht mehr gibt.

  2. […] einige der bisherigen Erfolgsgeschichten, die Berlin hervor gebracht hat, gibt es auf Blogger Bazaar zu […]

  3. Heike

    Hi, toller Artikel, sehr schön geschrieben.
    Bin genau eurer Meinung. Ich fand es zum Beispiel total enttäuschend, dass die Süddeutsche, die samstags eigentlich immer einen tollen Stilteil in der Zeitung hat, zwar ganzseitig von der Mailänder Herrenmodewoche berichtete aber nicht über Berlin. Kann das sein? Da wird sich immer beschwert, dass in Deutschland zu wenig vibes sind, zu wenig Passion, Gründertum etc. und wenn dann etwas stattfindet wird das kleingeredet und niedergemacht und die Presse schreibt “Berlin ist nun mal nicht Paris”- Bla Bla um auf der sicheren Seite zu sein. Traurig für die tolle Leistung und das Engagement von Veranstaltern und Designern. Danke, dass ihr da anders seid. Liebe Grüße Heike

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