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Ästheten unserer Zeit – Juergen Teller

Es gibt Dinge, Strömungen und Bewegungen, die die Kultur, die Gesellschaft und uns beeinflussen. Immer wieder formt sich der Zeitgeist neu: Er ist eine in der Luft schwebende Blase, die sich dreht, bewegt, verformt, wieder zu der Grundform zurückkehrt und auseinander bärstet, geprägt von Individuen und ihren Gedanken, Arbeiten und Entscheidungen. In der Rubrik ‘Ästheten unserer Zeit’ wollen wir euch genau diese Individuen vorstellen. Menschen, die Kulturneuerungen mit sich gebracht haben, Leute, die uns bewegt oder inspiriert haben. Zum Gallery Weekend in Berlin fangen wir mit dem Fotografen Juergen Teller an und stellen euch den Menschen, seine Fotografie und sein Leben vor.

Ein Mann in Adiletten und dunklen, ausgewaschenen Sportsocken, in Sporthose und brauner, verblichener Lederjacke aus den 80ern trägt eine Plastikeinkaufstüte durch Ausstellungsräume, in denen Fotografien von Juergen Teller hängen. Es sind nicht die High Fashion Momente seines Fotografenlebens, sondern die privaten, intimen und familiären Einblicke dazwischen. Der Mann versteht die Bildsprache nicht, murmelt Fragen vor sich hin, die manch ein Besucher beim Anblick der Abzüge denken mag und niemals aussprechen würde: „Wieso hat er denn den Wald fotografiert? Was macht die Mutter vom Fotografen auf den Bildern? Spielt sein Sohn beim FC Bayern? Soll das Kunst sein?“ Der Mann ist Juergen Tellers Alter-Ego Dieter, das Video sieht sich wie ein Comedy-Clip und wird gerade im Martin-Gropius-Bau in Berlin ausgestellt.

Die aktuelle Ausstellung „Enjoy Your Life“ von Juergen Teller zeigt vom 20. April bis dritten Juli 2017 die selbstironische Serie „Teller/Plates“ und andere Arbeiten aus 30 Jahren Berufsleben, von einem der berühmtesten Fotografen der Welt. Juergen Tellers Werke sind ungeschönt, dokumentarisch und wirken real. Sie zeigen in erster Linie Menschen aus allernächster Nähe, überbelichtet, mit Blickkontakt und direkter Bindung zur Kamera. Tellers Mutter vor dem Fernseher, sich selbst als Bergsteiger, Charlotte Rampling nackt im Louvre, Kim Kardashian und Kanye im Dreck oder Vivienne Westwoods rot-orange Schamhaare perfekt abgestimmt zu den Brokatkissen, auf denen sie liegt. Mit seiner Suche nach der unperfekten Schönheit revolutionierte er in den 90er Jahren die Modeindustrie: Bisher ging es um Opulenz, um Glamour und Inszenierung. Makellose Schönheit wurde zum Ideal erklärt. Erst mit Juergen Teller und seinem Schnappschuss-Ansatz, reiner Analogfotografie und ohne Retusche wird eine Ära der natürlichen Darstellung von Models und Menschen in Modemagazinen und -kampagnen eingeleitet. Es ist ein subjektiver Stil, der mit hartem Blitz ehrliche Momente, natürliche Körper und ungestellte Posen einfängt. Nach Symmetrie und offensichtlicher Botschaft, gerade in Kampagnen, kann in Jürgen Tellers Arbeiten lange gesucht werden. Statt Werbung sehen wir persönliche Bindungen. Statt Kleidung oft reines Image.

Aufgrund einer Stauballergie und dem deutschen Wehrdienst hat die Welt einen ihrer prägendsten Fotografen bekommen – würde der 1964 in Erlangen geborene Teller nicht auf Holzspäne allergisch reagieren, dann hätte er seine Bogenmacherlehre beendet und wäre nicht auf die Fachakademie für Fotodesign in München gegangen. Hätte der deutsche Staat Juergen Teller ausgemustert, dann wäre er Ender der 80er nicht nach London gegangen um dort für einen Wurstlohn Platten-, CD-Cover und Modestrecken zu schießen. Er hätte nicht ganz zufälligerweise die unbekannte amerikanische Band auf Deutschlandtour begleitet um so die ersten offiziellen Bilder von Nirvana-Frontman Kurt Cobain zu machen. Danach begann er für die größten Modemagazine zu arbeiten und ikonische Strecken, wie ‚Versace Heart’ mit Topmodel Kristen McMenamy für das Süddeutsche-Magazin umzusetzen. So offen, ungeschönt und ehrlich wie seine Fotografie ist, ist auch der Fotograf hinter seinen Werken. Es gibt kaum einen Interviewpartner von dem spannendere Geschichten existieren – ob über seine Kindheit, Probleme mit Alkoholismus, über seine Mutter, oder Charlotte Rampling, Kaviar und Sex. Andere Fotografen, die nach Kooperationen und Starsallüren gefragt werden, behalten ihre Anzeigenpartner im Hinterkopf und antworten ironisch demokratisch. So aber nicht Juergen Teller: Er erzählt von einer ihn ignorierenden Madonna, Missverständnissen mit Marc Jacobs und dass er keinen Grund dafür sieht Miley Cyrus zu shooten. Seine lesbische Taxifahrerin mit Hoola-Hoops im Wald ist für ihn interessanter als ein Prominenter und seine Kamera und sein Ruf geben ihm die Möglichkeit sich in jede Situation hereinzuwagen, als Beobachter und Macher.