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DIE NEUE DEUTSCHE MODEWELLE PART 4/3: SSS WORLD CORP

Deutschland, das Land der Granny-Uniformen und Socken-in-den-Sandalen-Touristen, erlebt zurzeit eine Moderevolution und wie es scheint, die erste, die bleiben wird. Statt Talent-Auswanderung zu fördern wird vor allem Berlin nun zum Streetstyle-High-Fashion-Underground-Mekka der Modebranche. Der Melting Pot unterschiedlichster Subkulturen, der Ursprung der Vetements-Optik und der Techno-Szene wirft gerade ein neues Label nach dem anderen auf den internationalen Markt. Das Designer-Kollektiv GmbH zeigte am Donnerstag auf der Pariser Men’s Fashion Week und wurde kurz zuvor für den wichtigsten Nachwuchs-Designer-Preis, den LVMH Preis, nominiert. Die Magazin-Institution 032c entwirft Merch, bringt den Motorrad-Gear-Trend auf und mischt mittlerweile nicht nur die Verlagswelt auf. Nicht allein wegen der entstehenden Szene, der Feierkultur, dem Verlangen nach Diversität und Toleranz, aber auch wegen der günstigen Lebens- und Produktionskosten in Relation zu Städten wie Paris, London, New York oder Mailand kommt die deutsche Hauptstadt auf den weltweiten Radar. Die Prophezeiung steht: Berlin wird die zukünftige Destination für Modeinnovation, für kreativ unabhängige Labels und ist bereits der ideale Platz für Inspirationssuche.

Einen weiteren Beweis dieser Theorie lieferte uns am Samstag um neun Uhr morgens Justin O’Shea auf dem Place Vendôme in Paris: Der ehemalige Global Fashion Director von MyTheresa und Creative Director von Brioni stellte sein eigenes Label SSS World Corp vor. Er beschrieb die Kollektion mit dem Namen ‚Aloha From Hell’ als „a better version of me“ und schuf die passende Metapher: „Like a third line of Tom Ford designed by Supreme“. Der Triple S-Mann ist also Justin selbst, Texas-Sheriff, Pimp und Anzugträger. Gleichzeitig geht es O’Shea um Schnittkunst, also Tailoring, in Ermangelung eines passenden deutschen Wortes, das Handwerk mit Eleganz und traditionellen Herrenanzügen verbindet. Tailoring steht dabei in direkter Verbindung zu Streetwear. Dazu kommen 70er Jahre Rock’n’Roll- und 2000er Gothik-Einflüsse. Schlagwörter, die sich in roten Samt-Anzügen, hawaiianischen Surfer-Bowling-Hemden, Mänteln mit Leoparden- und Tiger-Mustern äußern. Auf breiten Büro-Krawatten surfen kleine Teufel, die Joints rauchen, auf Rodeo-Bucket-Belts steht ‚Hell’ oder ‚SSS’ und Perlmutt-Kreuze baumeln von den Hälsen der Fashion-Faces. Bunte Prints werden mit noch bunteren Prints und beigen Anzugshosen kombiniert: Layering zieht in die Welt der Menswear ein, indem Logo-Shirts über bedruckte Hemden gezogen werden und Rippstrick-Unterhemden zwischen Satin-Knopfleisten hervorblitzen.

Die Guerilla-Show und die entstandenen Bilder bleiben als erster Eindruck und eine Webseite existiert noch nicht. Dafür haben schon die größten Onlineshops in Teile des Labels für ihr Sortiment ab Oktober diesen Jahres investiert, die Prints wurden von Benny Robinson gestaltet, Jörg und Maria Koch helfen bei der Produktion und Umsetzung und Marc Goehring stylte die Show. Auch hier sind einige Finger von 032c-Mitgliedern oder die von hey woman!-Frontfrau Veronika Heilbrunner im Spiel. SSS World Corp wird Gentlemen-Mode preislich und stilistisch zugänglich machen, die Formalität in die Streetwear zurückbringen und die internationalen Kritiker nach Berlin.