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Personal Issue – Die Kunst zu enttäuschen

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Wieder einmal versuche ich dieses Wochenende alles unter einen Hut zu bekommen. Ich habe einige Event- und Party-Einladungen, bei denen ich mehr oder weniger zugesagt habe, bin mit einer Freundin lose zum Brunchen verabredet,  ein befreundeter Fotograf ist über die Tage in Berlin und hat mir angeboten einen Look zu fotografieren. Dabei wollte ich doch eigentlich Zeit für mich und zum Runterkommen haben. Die ausgesprochenen oder unausgesprochenen Erwartungshaltungen setzen mich unter Druck und fühlen sich nach Kräften an, die mich in verschiedene Richtungen ziehen. Kennt ihr dieses Gefühl? Dabei will ich doch vor allem bei mir selbst bleiben.

Zeit ist begrenzt und kann nicht doppelt vergeben werden. Wichtig ist es für mich meine Zeit nach Priorität zu vergeben: Ich, meine Freunde und Familie, danach alles andere. Das heißt aber auch, dass manchmal “alles andere” oder auch manchmal meine Freunde und Familienmitglieder hinten anstehen müssen und enttäuscht werden.

Jeder kennt das Gefühl, dass man manchmal nicht allem oder jedem gerecht werden kann und deshalb enttäuschen muss. Dass Enttäuschungen eine Befreiung und etwas erstrebenswertes sein können, ist eine neue Perspektive für mich und vielleicht auch für euch.

Als wir vor ein paar Wochen gemeinsam mit ShesMercedes auf einem Trip war,  waren wir in einem Vortrag zum Thema Selbstbewusstsein mit Headhunterin und Coach Stephanie Schorp. Sie brachte auch einige spannende Bücher mit, unter anderem “Die Kunst die Eltern zu enttäuschen” von Michael Bordt. Die kleine aber feine Lektüre hat mich zum Nachdenken über Enttäuschungen allgemein gebracht. Jemanden zu enttäuschen, heißt eigentlich jemandem eine Illusion zu nehmen, eine Wunschvorstellung, also mit einer Realität zu konfrontieren, die die ganze Zeit schon gültig war.

“Ich muss dich enttäuschen, ich habe mein Stresslevel nicht richtig eingeschätzt und brauche dieses Wochenende für mich und muss mal wieder runterkommen.” oder im Job: “Ich muss dich enttäuschen, aber zu diesen Bedingungen können wir uns nicht auf den Deal einlassen.” Und BOOM sind wir befreit und nehmen uns selbst den Druck bestimmten Erwartungen entsprechen zu müssen und können wieder ganz selbstbestimmt handeln. Auch der Enttäuschte weiß die Ehrlichkeit hoffentlich zu schätzen und interessiert sich für die Erfahrung, wie andere Menschen und wie die Welt wirklich sind. Dann kann die Person abseits von unrealistischen Vorstellungen, auf Basis der gegebenen Situation, seine Haltung und sein Handeln ändern. Wir müssen unseren Mitmenschen Enttäuschungen also schon fast zutrauen, um ihnen die Chance zu geben, angemessen zu reagieren.

Enttäuschen heißt aber auch, dass man jemandem eventuell im Vorhinein bewusst oder unbewusst falsche Hoffnungen gemacht hat. Wenn eine ferne Bekannte “unbedingt mal wieder einen Kaffee trinken” gehen will und man insgeheim hofft es sei nur aus Höflichkeit so daher gesagt, ist es natürlich einfacher “Ja!” zu sagen, als einen Moment inne zu halten und sich zu fragen: “Will ich das überhaupt? Ist das in der kommenden Zeit für mich realistisch?” Um garnicht erst enttäuschen zu müssen, hilft mir meistens eine offene und ehrliche Kommunikation im Vorhinein: “Ehrlich, ich weiß noch garnicht wie mein Wochenende aussehen wird oder wie es mir geht. Ich melde mich gerne spontan, sei mir aber nicht böse, falls es nicht klappt.”

Wenn ich von meinen Mitmenschen verlange, dass sie mit Enttäuschungen verständnisvoll und erwachsen umgehen, muss ich natürlich selbst auch bereit sein, damit umzugehen, dass ich selbst oder meine Angelegenheiten für meine Freunde oder andere Menschen manchmal auch keine Priorität haben. Ich versuche also die Realität anzunehmen und meinen Freunden dieselbe Freiheiten zu geben, die auch ich einfordere. Wenn beide Seiten vertrauensvoll und konstruktiv mit Enttäuschungen umgehen, entsteht eine tolle Chance, sich in einer Freundschaft viel besser und ehrlich kennenzulernen als nur den gegenseitigen Wunschvorstellungen zu entsprechen.

Wenn ich das alles weiß, wieso fällt es mir dann trotzdem teilweise schwer, den Druck gehen zu lassen und mich auf mich und meine Prioritäten zu fokussieren? Die ganz ehrliche Antwort lautet, dass ich mich schnell verantwortlich fühle und eine hohe Empathie besitze. Das lässt mich Angst haben, Leute zu enttäuschen oder Kontrolle abzugeben. Ich muss mich öfter daran erinnern, dass die Menschen um mich herum alle erwachsene, selbstständige Menschen sind, die mich im Zweifel garnicht brauchen und vor allem mich auch noch mögen werden, wenn ich es nicht schaffe das nächste Dinner zu organisieren. Ich muss lernen zu vertrauen, dass alles gut wird, auch wenn ich Dinge loslasse.

Bitte lasst mich wissen, wenn ihr es selbst ausprobiert und demnächst jemanden enttäuscht, einfühlsam und höflich natürlich. Ich bin gespannt auf die Reaktionen und wie ihr euch dabei gefühlt habt.

Comments 6

  1. Verena

    Der Artikel trifft es für mich genau auf den Punkt. Ganz wichtig empfinde ich dabei noch den Aspekt Ehrlichkeit. So oft schiebt man doch lieber eine kleine Notlüge vor. So wird die Enttäuschung abgemildert und die Illusion aufrechterhalten. Ich habe viel darüber nachgedacht, ob diese white lies sich legitimieren lassen und unter Umständen sogar besser für die zwischenmenschlichen Beziehungen sind. Für mich bin ich zu dem Entschluss gekommen, dass man immer die Wahrheit sagen kann ohne ein schlechtes Gewissen zu haben, wenn die Begründung, den persönlichen Werten entspricht. Sollte dies nicht der Fall sein und fühlt man sich genötigt zu lügen, sollte man die Entscheidung noch einmal überdenken. Wie viel einfach wäre das Leben, wenn jeder authentisch wäre und wir uns nicht gegenseitig täuschen würden?

    • Lisa Banholzer

      Verena, ganz genau! Wie viel einfacher wäre das Leben! Und wir wüssten alle ständig woran wir sind und würden deshalb nie schmerzlich getroffen, denn die Wahrheit hinter all den kleinen Notlügen kommt dann doch irgendwann raus. Ich glaube, wenn man das Gefühl hat die ganze Zeit flunkern zu müssen, ist die Freundschaft zu der Person oder das eigene Handeln sowieso in Frage zu stellen. Liebe Grüße, Lisa

  2. Ein wirklich guter Beitrag, danke dafür! Ich denke, dass jeder mal dieses Gefühl hatte, etwas tun zu müssen, weil das von einem erwartet wird. Aber statt fauler Ausreden finde ich ein ehrliches “dazu habe ich dieses Wochenende gar keine Lust” sowieso viel besser. Warum lügen, wenn man eine ausgedachte Ausrede sowieso sofort entlarven kann? Ich sehe das auch so, dass dieses Loslassen von gefühlten Verpflichtungen einen befreit.
    LG Biene
    http://lettersandbeads.de

    • Lisa Banholzer

      Hallo liebe Biene, danke für deinen Kommentar! Hört sich fast so an, als ob dir das schon ganz schön leicht fällt dich von Erwartungen frei zu machen! Ich bin neidisch!

  3. Ein toller Beitrag! Vor allem die Angst andere zu enttäuschen und Kontrolle abzugeben kenne ich nur zu gut. Es tut gut zu wissen, dass man damit nicht alleine ist. Ich denke vielen wird es so gehen. Definitiv ein Thema das mich auch immer wieder beschäftigt. Das Buch das du erwähnst klingt auch sehr lesenswert. Ich freue mich auf die Einblicke in deine Erfahrungen damit und bin gespannt was du dann dazu sagen kannst.
    Liebe Grüße, Dana

    • Lisa Banholzer

      Liebe Dana, du warst ja richtig fleißig hier bei uns auf dem Blog! Ich freue mich weiter meine Erfahrungen und meine Gedanken mit euch zu teilen und auf eure Geschichten!

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