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JETZT IM KINO

In letzter Zeit habe ich mich fast schon zu einem Cineast – einem Kino Liebhaber entwickelt. Ob mit meiner Crew, ganz romantisch mit meinem Freund oder auch eben mal alleine für mich, ich liebe die kleinen Independent Kinos in Berlin mit ihrer tollen Filmauswahl. Am Schönsten ist es wenn man sich danach bei einem Glas Wein oder einer Tasse Tee noch zusammensetzt und eine Runde über den Film philosophiert. Die Filme, die mich am meisten berührt haben, habe ich euch hier mal in einen Beitrag gepackt, falls das Wetter in Berlin dann doch mal nicht so passt. 😉

Call me by your name

Der Film ist definitiv nichts für alle die nach Action und schnellen Bildern suchen, sondern eher für Kinobesucher, die sich ganz auf die emotionale Welt und die wahnsinnig ästhetische Szenerie dieses Film einlassen wollen. “Call me by your name” fühlt sich nach meinem Sommer der Jugend auf dem Land an, voller überwältigender Sehnsüchte, mit denen man noch nicht umzugehen weiß. Der Film malt eine verträumte Sommerkulisse in Norditalien um 1983. Familie Perlman verbringt gemeinsam mit ihrem 17 Jahre alten Sohn Elio den Sommer in ihrer großzügigen Villa.  Der Vater ist ein auf griechische und römische Kulturgeschichte spezialisierte Archäologe und holt sich als Unterstützung zu seinen Forschungszwecken Oliver über den Sommer als Gast ins Haus. Der charmante Amerikaner und der pubertierende Elio fühlen sich zueinander hingezogen und lassen sich auf eine Romanze ein.

I, Tonya

Tonya Harding gehört zu der amerikanischen Gesellschaftsschicht die man urteilsvoll “White Trash” nennt. Sie wurde von ihrer zur Gewalt neigenden Mutter als “Throphy Girl” schon früh auf eine Karriere als Eiskunstläuferin vorbereitet und getriezt. Ihr Talent ist unbestreitbar und trotzdem gelingt ihr durch ihr wenig elegantes Auftreten und die selbst genähten Kostüme nicht ganz der Durchbruch. Als Zuschauer leidet und fiebert man mit der ehrgeizigen Tonya von Wettbewerb zu Wettbewerb und durch ihre gewaltsamen Beziehungen zu ihrer Mutter und ihrem Freund mit und sieht langsam aber sicher das Schiff sinken, als ihr Freund einen Anschlag auf ihre größte Konkurrentin plant. Die wahre Geschichte der “Eishexe” berührt und verstört.

The Florida Project

Der Film ist eine berührende Kritik an dem Sozialsystem in Amerika und beleuchtet anschaulich die Perspektive der Verlierer des Systems. Die sechsjährige Moonee lebt im runtergekommenen Motel “The Magic Castle Motel” unweit von Disneyworld in Florida. Gemeinsam mit ihren Freunden Scooty und Jancey malt sie sich ihre ganz eigene traumhafte Welt aus und streicht auf der Suche nach Beschäftigung und Abenteuer durch die Gegend. Beschützt und beobachtet wird sie dabei von Motelmanager Bobby, der vom wunderbaren Willem Dafoe gespielt wird. Die Kinderbande erbettelt sich Geld für Eis, legt die Stromversorgung eines gesamten Wohnblockes lahm und klettert in leerstehende Häuser. Moonees erst 22-jährige Mutter Halley hat unterdessen damit zu kämpfen, jeden Tag aufs Neue die 38 Dollar für das Motelzimmer zusammenzubekommen, in dem die beiden Tür an Tür mit anderen Bewohnern leben, die ebenfalls wenig Geld haben.

Three Billboards Outside Ebbing, Missouri

Der Mord und die Vergewaltigung von Mildred Hayes Tochter ist unaufgeklärt und bevor der Fall ganz zu den Akten gelegt wird, ergreift Mildred die Initiative. Sie vertraut der örtlichen Polizei ihres Heimatorts Ebbing, Missouri nicht und kann im Gegensatz zu ihrem Sohn mit dem Tod ihrer Tochter nicht abschließen. Sie mietet die Werbetafeln des Ortes, um den Polizeichef zu provozieren und erinnert alle im Ort an die empfundene Ungerechtigkeit und wühlt Emotionen auf. Dieser Film berührt und bringt einen unter Tränen zum Lachen. Die starke Frauenfigur Mildred hat mich beeindruckt und zeigt alle Facetten von Emotionen in ihrem lebendigen und ungebotoxtem Gesicht.

Zwei Herren im Anzug

Ich habe diesen Film im Chiemgau gesehen, wo ein großer Teil des Films von Josef Bierbichler gedreht wurde und mich umso mehr im Kontext getroffen hat. Bierbichler erzählt mit “zwei Herren im Anzug” seine Familiengeschichte und damit stellvertretend ein Generations- bzw. Gesellschaftsdrama. Der Wirt und Bauer Pankraz, gespielt von Josef Bierbichler selbst, und sein erwachsener Sohn Semi sitzen nach der Beerdigung der Mutter Theres in ihrem Familiengasthof beieinander und sind gezwungen endlich Klartext miteinander zu sprechen und tief in die Geschichte der Familie und der einzelnen Figuren einzutauchen.  Dabei treten klare Generationenkonflikte im Umgang mit den beiden Weltkriegen, der Besatzung durch die Alliierten, Schuldzuweisungen und den Familienbetrieb zutage und verdrängte Erinnerungen schockieren Vater und Sohn und lassen sie fast hilflos wirken. Ein Film der uns alle zwingt über die Vergangenheit und die deutsche Geschichte anhand von Einzelschicksalen nachzudenken und zu sprechen und hoffentlich daraus zu lernen.