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LABEL TO WATCH: BOTTER

In einem Europa, indem Champagner-Trinken, Sterne-Restaurant-Besuche und Designerkleidung für eine bestimmte Gruppe von Menschen kaum noch als Ausnahme gelten kann, sondern abstruserweise zum guten Ton gehört, ist Understatement mehr als Übertreibung. Wir Europäer sind lieber under- als overdressed, überzeugen lieber mit Qualität und Handwerk als Farben und Kreativität. Berlin ist die Metropole der Black-Mono-Looks, die nur vereinzelt gebrochen werden. Allerdings haben auch wir, wir Berliner, die vermeintlichen Kreativszene-Zynithen, den Drang nach Neuerung und Innovation – und lassen uns dafür von anderen Kulturen beeinflussen. Die aktuelle MBFW Berlin wurde im Rahmen des International Designer Exchange Nachwuchsförderprogramms von Mercedes von dem niederländischen Label BOTTER eröffnet, indem es nicht nur auf politische Botschaften, sondern, vor allem mit Einflüssen aus der Karibik, auf gezügeltes Overstatement setzten.

Denn die abgedroschene Floskel “Mehr ist mehr” kann im Falle des Duos aus dem Nachbarland ganz wortwörtlich genommen werden: Wer in der Dominikanischen Republik oder Curaçao gleich zwei verschiedene Ausgehschuhe trägt, wer nicht nur eine Goldkette, sondern direkt den ganzen Besitz am Hals baumeln hat und wer das eine Jacket über das andere ziehen kann, der symbolisiert Wohlstand und Stolz. Für Rushemy Botter, dem Co-Founder des Labels, symbolisiert eine solche Zurschaustellung von Hab und Gut ein emotionales Schild, eine soziale Rüstung. Auf der MBFW Berlin stellte BOTTER nun die aktuelle “Al Fombra” Kollektion aus, die aus Teilen der Master-Abschluss-Kollektion des Duos besteht. In der SS18 Kollektion, mit dem Namen “Fish or Fight”, die er zusammen mit seiner Partnerin Lisi Herrebrugh, designte, sehen wir deshalb Fusionen und Hybride. Die Sneaker wurden auf Anzugschuh-Sohlen gebaut, das klassische Herrenhemd mit dem Oversize-Shirt verbunden und der Seidenmantel an den Daunenparker gebunden. Den beiden Niederländern mit den karibischen Wurzeln geht es darum, den stilistischen Kultur-Clash zu zeigen, den Migranten in Europa erleben und der metaphorisch ausgeweitet werden kann. Es geht um Anpassung, Integration, Bewahrung der eigenen kulturellen Identität. So wird Streetwear in Balenciaga-Manier mit Tailoring und 80er Büro-Silhouetten kombiniert, Insel-Eleganz und -Stolz mit bunten Mustern auf seidene Bomber projiziert und die klassisch europäische Silhouette à la Margiela dekonstruiert und neu drapiert.

Weniger subtil gibt sich das zweite Leitthema der Kollektion, das durch aufgeblasene Gummi-Delfine, Netzstulpen an den Armen, plissierte Teile von Supermarkttaschen, Wasserpistolen und Plastiktüten-Accessoires, förmlich unentziehbar gestaltet wurde. Große ‘Kool-Aid’ Logo-Prints prangen neben ‘Hell’-Bannern plus Muschel in minimal abgewandelter Form des Tank- und Energieriesens. Diese kritischen Zitate, sowie die Wahl der Accessoires zielt ganz offensichtlich auf die Verschmutzung der Weltmeere ab. Es ist eine Botschaft, die von der Industrie bis zum Endkonsumer reicht und sich in der eigenen Philosophie widerspiegelt. BOTTER arbeitet ausschließlich mit eco-conscious Ateliers zusammen, benutzt recycelte Stoffe und schneiden ihre Entwürfe mit einer Minimal-Waste-Policy. Auch sonst scheinen Rushemy und Lisi konsequent zu arbeiten: In ihren Schauen und der Kampagne, die mit dem Fotografen Ruth Ossai und dem Stylisten Ibrahim Kamera, wurden ausschließlich Models of Colour gezeigt. Als vielgelobtes Nachwuchs-Label, LVMH Preis Kandidat und Hyères Festival Gewinner des großen Preises, entwickelt es sich durch zeitgeistige Strömungen, mit eigenen gesellschaftlichen Schnittpunkten und Message zu einer ästhetischen Idee hin. Konstant konsequent. Überraschend kontrastreich.

Foto Credits:
Nass / BrauerPhotos for Mercedes-Benz
Stefan Knauer/Getty Images for MBFW

Comments 1

  1. Laura

    Was sollen denn Zynithen sein?

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