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SPIRITUALITÄT IN ZEITEN VON MAINSTREAM YOGA UND BUDDHA STATUEN BEIM DISCOUNTER

Berlin-Mitte, Juni 2018. Man sieht es überall, es schlägt einem aus allen Richtungen entgegen – man kann sich dieser Bewegung, diesem Hype eigentlich nicht entziehen. Einem Hype – der eigentlich versucht ein Gegenentwurf genau dessen zu sein. An jeder Ecke ein Yoga Studio, ein Meditations-Zentrum oder einfach nur ein Dekorations-Discounter à la Butlers oder Nanu-Nana. Sogar in der digitalen Welt ist das Selbstfindungs-Angebot bei weitem nicht mehr nieschig und wird durch Apps wie Headspace oder Calm konsequent nach vorne getrieben. Gesucht wird Spiritualität. Spiritualität in jeglicher Form: als Yoga Schüler oder gleich “certified-teacher”, als Accessoire fürs Wohnzimmer in Form von Buddha Statuen oder gar als Software, die sofort das Finden der inneren Mitte suggeriert.

Spiritualität ist nicht nur im Trend. Es gehört zum guten Ton der modernen Generation Y, genau so wie Poached Eggs oder Instagram. Kaum ein urbaner, trendiger Mensch, der sich heutzutage nicht für Selbstoptimierung interessiert und dadurch zwangsläufig irgendwann von der Hülle in den Inhalt wandert.

An sich ja nichts negatives würde man dann sagen. Ist doch schön wenn sich die jungen Leute mit ihrem Inneren beschäftigen und nach Antworten suchen. Wenn sie versuchen ihren Alltag so zu organisieren, das Platz bleibt für nachhaltige und gesunde Ernährung, für 90 Minuten Jivamukti und eventuell noch ein Räucherstäbchen auf dem Balkon.

Warte mal, Räucherstäbchen auf dem Balkon? Das macht doch eigentlich keinen Sinn. Kommt mir ein bisschen so vor wie Wasser auf den heißen Stein oder Perlen vor die Säue.

Da fängt es nämlich an, diese Frage nach der eigentlichen Tiefe vieler oben genannter Vorhaben. Mache ich Yoga, weil ich an die Grundsäulen der meditativen Praxis glaube oder weil ich mir nach einer Stunde vormachen kann, dass ich jetzt etwas für Körper und Geist getan habe und natürlich dem ersehnten Zustand der Glückseligkeit ein Stück näher rücken konnte?

Selber mit dem Buddhismus aufgewachsen zu sein, brachte mir schon früh eine Art Grund Spiritualität bei. Mir wurde das Interesse oder der Hang für dieses Thema quasi in die Wiege gelegt. Das hatte Anfangs nichts mit einer subjektiven Auswahl zu tun, sondern war mehr oder weniger meinen Eltern anzukreiden, die mich jedes Jahr aufs neue in buddhistische Sommercamps für die ganze Familie schleppten. Mit den Jahren und des sich entwickelnden Bewusstseins jedoch stellte ich eine bestimmte Haltung bei mir fest und realisierte, dass das Thema Spiritualität ohne je eine aktive Entscheidung dafür getroffen zu haben, dennoch eine ziemlich große Rolle in meinem Leben spielte. Auch wurde ich natürlich hier und da auf meinen buddhistischen Schmuck oder meine Thangkas (Rollbilder des tantrischen Buddhismus) zu Hause angesprochen und war schon früh von dem allgemeinen Grundinteresse überrascht.

Wenn ich hier auf mein bisheriges Leben zurück schaue, fällt mir auf, dass ich vielen Situationen auf eine bestimmte Art und Weise begegne. Es fängt schon damit an wie ich neue Menschen treffe oder mich mit unbekannten Personen unterhalte. Durch den Buddhismus oder die ihm innewohnende Positivität, habe ich z.B. selten Angst vor ungewissen Begegnungen und kann mich häufig gut auf Neues einstellen. Auch bemerke ich in mir eine überaus positive Grundeinstellung zu der ich leicht Zugang finde. Es käme mir blöd vor wenn ich das jetzt alles ausschließlich mit dem Buddhismus in Verbindung bringen würde, aber ich bin überzeugt davon, dass das Aufwachsen mit einer so offenen und lebensbejahenden Philosophie einen großen Einfluss auf mein heutiges Dasein und meinen Charakter hatte und auch in der Zukunft haben wird.

Fast forward to 2018 und einer sich immer mehr beschleunigenden Gegenwart mit Grundsäulen des Alltags wie “instant gratification”, “sharing economy” oder der oben schon angesprochenen “self-optimization”, fällt mir auf, dass die Spiritualität mit der ich aufgewachsen bin gefühlstechnisch zum mainstream gehört. Instagram als eventuelles Hauptmedium der digitalen Welt heutzutage spielt da natürlich eine große Rolle. Unzählige Accounts, inklusive hunderttausender Follower, mit den Themen Meditations-Coach, Spiritual Teacher oder inspirational quotes zeigen die Relevanz in der modernen Welt.

Was mir über die Jahre hinweg jedoch immer wieder in den Kopf schoss, war und ist diese Frage nach der Substanz innerhalb der mainstream Spiritualität von heute. Ist das wirklich echt oder doch alles nur Schau?

Wenn man sich an Meister der tiefgehenden und ehrlichen Spiritualität hält, in meinem Fall an buddhistische Lehrer, merkt man auch hier schnell, dass diese natürlich nicht mehr abgeschieden in ihren Klöstern in Nordindien oder Nepal leben und wenig bis keinen Kontakt zur Außenwelt haben, sondern in sozialen Netzwerken aktiv sind oder zumindest dort eine Vertretung haben. Der Dalai Lama beispielsweise – für mich die vielleicht interessanteste Person der Welt – kann ein stolzes Following von knapp 1Mio aufweisen und hat damit eine enorme Reichweite für seine Ansichten. Auch der global weniger bekannte, aber in meiner buddhistischen Karma Kagyü Linie spirituel bedeutendste Lehrer, der Karmapa, hat immerhin >50k Follower auf Instagram und besitzt damit auch ein Sprachrohr, welches in einem Moment theoretisch den ganzen Globus erreichen kann.

Somit haben natürlich auch diese, sehr ursprünglichen Botschaften die Möglichkeit unverfälscht schnell mainstream zu werden, da man sich nun nicht mehr tiefgehend und lange in das Thema reinlesen muss, sondern schnell auf “Follow” klickt und dadurch die Lehre quasi abonnieren kann.

Für mich stellt diese Situation einen klassischen Fall von “a blessing & a curse” dar, was so viel heißt wie es bringt Vor- und Nachteile. Es freut mich, dass mehr Menschen schneller und einfacher an spirituelle Informationen und Bezugspersonen gelangen und somit auch das Interesse in der breiten Masse steigt und plötzlich führe ich mehr Konversationen über Spiritualität mit teilweise fremden Leuten als jemals zuvor. Zum anderen führt es, wie in vielen anderen Beispielen auch, dazu sich nicht mehr gründlich mit Themen zu beschäftigen und dadurch Dinge nicht mehr wirklich zu durchdringen, für sich zu lernen und seinen eigenen Prozess zu verstehen, sondern nur oberflächlich aufzunehmen. Spiritualität ist jedoch genau der Gegenentwurf zu diesem schnellen Abhandeln. Es geht um den Moment des Innehaltens, es geht um bewusstes Wahrnehmen, Verstehen und Fühlen. Dafür sollte man sich die Zeit nehmen, Inhalte bedacht und mit Zeit wahrzunehmen und für sich zu überdenken, anstatt nur zu liken und weiterzuscrollen. Leider ist das aber der Instagram-Habitus generell, es liegt aber in der Entscheidungsfreiheit jedes Nutzers es für sich anders zu machen.

Meine Hoffnung bleibt, dass diese, in der Bevölkerung mitschwingende und zum modernen Individuum gehörende, Form der Spiritualität nicht nur dem schnellen Versuch der Beantwortung der inneren Frage nach dem Mehr oder dem Sinn zu verdanken ist, sondern einen Anfang von einer tiefgehenden Zuwendung zum Inneren darstellt. Spiritualität hat nichts weniger verdient!

Wir haben für euch einige spannende Accounts hier reingepackt, denen es sich lohnt zu Folgen und seine Gedanken zu widmen.

meditation goals!

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Comments 5

  1. Lisa

    Ich kann den Punkt “a blessing & a curse” von deiner Seite sehr gut verstehen. Vor allem, weil du buddhistisch aufgewachsen bist und dich mit der Lehre viel intensiver und LÄNGER auseinander gesetzt hast als wahrscheinlich jemand, der auf diesen Trendzug aufgesprungen ist (wie ich?). Allerdings bin ich unglaublich dankbar für diesen Trend. Ich war lange sehr unzufrieden mit mir, konnte aber nie wirklich greifen, was nicht stimmte. Irgendwie habe ich mit dieser Unzufriedenheit gelebt, mal bewusster , mal weniger. Langsam aber sicher habe ich Spiritualität aktiver wahrgenommen und mich ran gewagt. Ich bin mir sicher, dass ich nicht das spirituellste Wesen bin. Aber ich habe ein gewisses Level erreicht, was für mich sehr gut funktioniert und dank der Spiritualität mag ich mich. Endlich. Die Spiritualität (soweit ich sie lebe) hat mir mein wahres Ich gezeigt und die “hart erarbeitete” Oberfläche zum Brechen gebracht. Deswegen wünsche ich mir mit dem Trend, dass mehr Menschen ihr gewisses Maß an Spiritualität finden und somit mehr Liebe zu sich selber. Und zu anderen.

    • Lisa Banholzer

      Hallo liebe Lisa. Wie schön, dass du uns mit deiner Geschichte ein Beispiel dafür gibst, was für einen positiven Einfluss der “Trend” dann doch tatsächlich auf das Leben und Selbstbewusstsein eines Menschen haben kann. Ich glaube auch, es liegt an jedem individuell, inwieweit er die Themen an sich ranlässt und sich dann privat weiter damit beschäftigt oder anwendet! Liebe Grüße, Lisa

  2. Laura

    Bitte entschuldigt, aber was hat denn ein Kimono jetzt mit dem Dalai Lama und Buddhismus und allgemein Spiritualität zu tun ???

  3. Mateja

    Selten so einen schlechten Text gelesen. Schade, dass jemand der mit dem Buddhismus aufgewachsen ist, so wenig Liebe in sich trägt und her das “Böse” sieht. Statt mit dem Finger zu zeigen und ständig Anglizismen zu verwenden, für Worte und Sachverhalte, die ist ebenfalls in der deutschen Sprache gibt, sollte er sich mal hinsetzen, ruhig sein und meditieren.

    • Lisa Banholzer

      Hey Mateja! 🙂 Haha ich muss irgendwie über deinen Kommentar schmunzeln! Ich glaube unser Gastautor Julian hat das garnicht “böse” gemeint, ich glaube es geht nur um die Frage inwiefern Spiritualität zu digitalen Medien passt oder vielleicht auf den Kanälen genau das Thema verfehlt. Meditieren ist immer eine gute Idee, aber ich glaube trotzdem, dass es wichtig ist Meinungen zu äußern, wenn man eine hat, um genau auch mit dir in einen Dialog zu kommen und eben nicht ruhig zu sein. Meiner Meinung nach äußern sich viel zu wenige junge Leute zu solchen Themen und dann kann man ja auch gerne gegensetzige Meinungen haben. Mit den Anglizismen ist das auch so eine Sache…so sprechen nun einmal viele junge Leute, vor allem in Berlin und wir wollen unsere Gastautoren in ihrer Alttagssprache schreiben lassen. Liebe Grüße, Lisa

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