Kosmos, Kulturfilter, Lables to watch, Lifestyle, Mode, Umdenker Talks

UMDENKER TALKS: PHILOMENA

Fair Fashion – genau wie Feminismus – ruft im unaufgeklärtem Mainstream-Hirn weitgehend negative und gänzlich fehlleitende Assoziationen auf, die den Begriffen kaum gerecht werden können. Um ersteres F-Wort von dem Irrglauben es wäre teuer und hässlich, sowie dem Bild der steif-kratzigen Stoffe, prüden Pädagogen oder dem alternativen Kommunen- und Selbstversorgerleben zu befreien, haben wir es uns zur Aufgabe gemacht coole Labels vorzustellen, die umdenken, dem gängigen Klischee widersprechen und uns Lust auf Slow-, Fair- oder Sustainable Fashion machen. In unserem Umdenker-Talks lassen wir die Designer sprechen und zeigen, wie es möglich werden kann, selbst ein bisschen grüner, nachhaltiger oder fairer zu leben. Es ist eine Zeitgeisterscheinung sich konsequenter mit seiner Umgebung auseinanderzusetzen – ja, man könnte fast sagen, ein Trend, der bleiben darf. Ob wir auf’s Fahrrad umsteigen, Öko-Energie beziehen, Bio-Produkte essen, Veganer und Vegetarier werden, fair produzierte Mode tragen oder uns einen Mix aus all dem zusammenstellen, wir werden bewusster und wissen, dass es an der Zeit ist, mit kleinen Veränderungen bei sich selbst anzufangen. Wir wollen diese Umbruchphase leichter machen, ohne zu behaupten, dass wir alles richtig machen würden. Wir alle können nicht von einem auf den anderen Tag alles richtig machen. Aber jeder Schritt in die richtige Richtung kann zu einer gesellschaftlichen Umbruchphase führen.

Zwischen Land und Stadt, zwischen Luxus und Nachhaltigkeit, Extravaganz und Bodenständigkeit fädelt sich das Berliner Label PHILOMENA ein. Die Spring Summer 2018 Kollektion inspiriert von den starken Südtiroler Wurzeln der Familie der Gründerin, die Herbst Winter Kollektion 2018 inspiriert von den Wiener Werkstätten, einer Künstlergemeinschaft, die sich im 20. Jahrhundert für die Erneuerung des Kunstbegriffs eingesetzt hat – Man merkt, die Gründerin und Inhaberin Julia Leifert weiß wovon sie redet, worüber sie designt, klärt mit ihrer Mode gleichzeitig über kulturelle und kunsthistorische Phänomene, wie auch über Umweltbewusstsein, Nachhaltigkeit und faire Arbeit. Sie zeigt auf ihrer Webseite, auf Social Media und vor allem in unserem Mini-Interview, wie wichtig eine Kombination aus diesen Leitthemen ist und wie machbar es sein kann, seinen Familiensinn mit weiblicher Stärke und einem umfassenden Bewusstsein zu verbinden. Julias Großmutter Philomena ist als Inbegriff der selbstbewussten Frau die Namenspatronin des, 2014 gegründeten, Labels und so sind auch die Entwürfe: Geometrische Muster lösen zarte Stoffe ab, werden mit starken Farben kontrastiert und von einem starken Materialmix abgerundet.

Ob aus cruelty-freier Merinowolle, Bio-Baumwolle, Ahimsaseide oder recycleten Textilien – hergestellt wird in einem Umkreis von nicht mehr als 150 Kilometern rund um das Berliner Office in regionalen Fabriken, von Hand und in kleinen Mengen, manchmal sogar nur auf Nachfrage. Die Designs sind zu 80 Prozent vegan und PETA-approved, die Materialien aus ökologischem Landbau und frei von Chemikalien, sowie Pestiziden. Gearbeitet wird nach einer Zero-Waste Policy, sodass so wenig Abfall wie möglich entsteht, außerdem kauft PHILOMENA Restbestände von Überproduktionen auf, arbeitet mit Non-Profit-Organisationen um die Bildung und Gesundheit von Mädchen und Frauen in benachteiligten Regionen zu fördern und spendet 10 Prozent der Erlöse an Umweltverbände, sowie Bildungs- und Entwicklungsprojekte.

DAS MINI-INTERVIEW

Wie stellst Du Dir eine Friede-Freude-Eierkuchen-Welt vor?
Wir leben alle auf rosa Wolken, flechten uns gegenseitig die Haare und es herrscht Weltfrieden. Nein, klar weiß ich, dass „Friede-Freude-Eierkuchen“ völlig utopisch ist, aber in meiner Wunschvorstellung einer besseren Welt gehen die Menschen vor allem wieder respektvoller miteinander um. Sie gehen eher aufeinander zu und suchen nach langfristigen Lösungen, als einander zu bekämpfen. Im Großen wie im Kleinen. Zudem leben wir wieder etwas verhältnismäßiger, im Einklang mit uns selbst, unserer direkten Umwelt, unseren natürlichen Ressourcen und der Natur. Anstatt alles und jeden im Namen des Konsums und besserer Rendite wegzurationalisieren, auszubeuten und irreparabel zu zerstören.

Was macht Deine Brand konkret, um dieser besseren Welt näher zu kommen?
Ich habe kein Patentrezept wie wir etwas verbessern können, aber ich versuche mit meiner Vision einen kleinen Teil zu etwas mehr „Friede–Freude–Eierkuchen“ beizutragen. Dazu sehe ich mich ein Stück weit verpflichtet. Mir gefällt das Gebaren mancher großen Luxus- und Fast Fashion Konzerne nicht. Das ganze Geflecht ist in den letzten Jahrzehnten aus den Fugen geraten. Es geht nur noch um Konsum und Abverkaufszahlen. Mode ist für mich nicht nur austauschbare Ware. Sie ist für mich etwas sehr Individuelles, Kunst- und Wertvolles. Sie hat eine Aussage und eine Geschichte. Sie hat etwas mit Liebe zu tun. Seit Abschaffung der Ständegesellschaften im 17. Jahrhundert drücken wir über Stil und Mode unsere individuelle Persönlichkeit aus: „Wer bin ich und wer will ich sein“. Die Wertschätzung für das Handwerk und die Arbeit, die Liebe und Qualität, die es besonders macht, treten heute zu oft in den Hintergrund. Ich habe Philomena Zanetti 2014 gegründet, weil ich Designer-Fashion wieder ein bisschen mehr Seele geben möchte. Und dazu gehört für mich eine nachhaltige Philosophie als Selbstverständlichkeit dazu.

Ich berücksichtige ganz verschiedene Aspekte und Teilbereiche innerhalb der Marke. Sowohl bei der Wertschöpfungskette, als im Unternehmen selbst und durch die Unterstützung angrenzender Projekte. Es geht nicht nur darum schöne Stücke zu fertigen, sondern besondere Teile zu kreieren, die der Trägerin das Gefühl von Selbstwert, Schönheit, Stärke und Anmut schenken, sie in ihrem Alltag begleiten und sie strahlen lassen.

Philomena Zanetti hat sich einem eigenen Verhaltenskodex verschrieben. Es werden ausschließlich hochwertige, biologische und umweltfreundliche Materialien verwendet. Die meisten unserer Materialien sind GOTS zertifiziert, was auch faire Arbeitsbedingungen bei der Rohstoffgewinnung und Textilherstellung einschließt. Es wird darauf geachtet, dass keine toxischen oder hautunverträglichen Inhaltstoffe in unseren Produktionsprozessen oder Produkten enthalten sind. Es werden keine Materialien verarbeitet, für die Tiere sterben oder leiden mussten; das heißt weder Leder noch Pelz kommen zum Einsatz. Die Woll- und Seidenstoffe sind tiergerecht hergestellt worden und werden von kleinen Betrieben bezogen, die sich einer artgerechten Tierhaltung verschrieben haben. Die Produktion findet unter fairen und transparenten Bedingungen und unter Einhaltung eines Code of Conduct in traditionellen, regionalen Meisterbetrieben statt, zu denen Philomena Zanetti enge und langfristige Verhältnisse hat. Ich vermeide unnötige Verpackungen, Transporte und Lagerware. Kleinere Mengen der Kollektionen werden künftig auch aus dead stock Ware von Überproduktionen der Stoffherstellern gefertigt, wodurch neue Ressourcen geschont werden. Zudem engagieren wir uns über einen Teil des Verkaufserlös bei internationalen Aus-/Bildungsprogrammen für Mädchen und Frauen in Krisengebieten und für den Tierschutz. Außerdem ist es mir ein Anliegen, Mode zu entwerfen, die bleibt. Das heißt, Einzelteile können selbstverständlich zu uns gebracht werden, falls etwas geändert werden soll oder einmal etwas kaputt geht. Der Name meiner Urgroßmutter Philomena besteht aus zwei altgriechischen Wortelementen die übersetzt soviel wie „Lieben“ und „Bleiben“ bedeuten. Ich finde, das trifft es sehr schön.

Wie können wir alle unseren Alltag bewusster gestalten?
Man muss nicht von jetzt auf gleich sein gesamtes Leben umkrempeln, versuchen asketisch ohne Strom und warmes Wasser auszukommen und sich nur noch von Fallobst ernähren.

Die Bewusstmachung der alltäglichen Routinen und die kleinen Veränderungen vereinzelter Dinge sind entscheidend. Muss das Wasser laufen, während ich die Zähne putze? Will ich mir wirklich täglich einen Coffee to go in meinem Lieblings-Café um die Ecke kaufen, weil ich zu faul bin später die Tasse zurück zu bringen? Brauche ich das zehnte weiße T-Shirt in meinem Kleiderschrank, oder das x-te paar Schuhe, von dem ich weiß, ich werde es eh nie tragen? Kann ich auf extra Plastikverpackungen verzichten oder nicht auch mal eine Strecke zu Fuß gehen oder mit dem Rad fahren, statt das Auto zum nächsten Späti zu nehmen? All das sind Kleinigkeiten, die sich gut in den eigenen Alltag integrieren lassen und in der Summe mehr ausmachen, als man vielleicht zunächst denkt.

Herbst / Winter 2018