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EAU DE SPÄTI – KULTUR IM KIEZ

Mit geilen Klamotten allein beeindruckst du höchstens Leute, die versuchen mit geilen Klamotten allein Leute zu beeindrucken. Noch nie war es so einfach, zu glauben man wüsste was cool ist. Kleidung wird billiger, Formsprachen konvergenter und alle sehen gleich aus. Ein Shoutout geht raus an Internet und Globalisierung!

Irgendwie anstrengend, wenn man dennoch individueller und cooler, als alle anderen sein will. Mein halber Oberlippenbart hilft mir dabei auch nur bedingt weiter und stellt für viele andere Menschen glücklicher Weise keine Option dar. Nein, als Gegengewicht zum algorithmisierten Massenkonsum durstet es der Stadtboheme nach etwas anderem. Nach Originalität, Authentizität und Einfachheit. Außerdem haben alle Menschen Bock auf Snacks, Alkohol und Zigaretten. Frage: Wo finden wir das alles? Antwort: Am Späti.

Ein kleiner entstehungsgeschichtlicher Exkurs: Der gut 150 Jahre alte Vorläufer des Kiosks oder Spätis war die sogenannte Trinkhalle. Um 1850 war ungekochtes Leitungswasser aufgrund von Keimen und Schadstoffen ein gesundheitliches Risiko. Arbeiter tranken deshalb größtenteils Bier und wurden zusätzlich durch “Schnapsspenden” von Arbeitgebern und Fabrikbesitzern belohnt. Das klingt zwar nach viel “gude Laune” und erinnert stark an die heutige Anreizstruktur vieler berliner Startups, war für die damalige Regierung aber ein ernsthaftes Problem. Um dem steigenden Alkoholismus entgegenzuwirken förderte der Staat die Produktion von Mineralwasser in Flaschen und die Einrichtung von sogenannten Trinkhallen. Megamäßiger Fun-Fact: Die ersten von diesen teilweise mobilen Verkaufsständen wurden in Berlin von Martin Gropius entworfen, dem späteren Großonkel vom Bauhaus-Gründer Walter Gropius. Aus den anfangs logischer Weise alkoholfreien Trinkhallen wurden mit der Zeit Kioske. Die DDR führte daraufhin Spätverkaufsstellen mit verlängerten Ladenöffnungszeiten ein, damit die vielen Schichtarbeiter auch bei nächtlichem Feierabend einkaufen konnten. Nach der Wende wurden solche Spätis auch in West-Berlin übernommen. In den Spätis von heute ist also ein Teil der ehrlichen Arbeiter-DNA vergangener Jahrhunderte enthalten.

Der Späti ist für das Volk. Späti ist Life, Leben, Hayat. Kindliche Freude und Süßigkeiten treffen auf Drama und Doppelkorn. Poesie auf 20 Quadratmetern. Egal ob Sanitäter in der Not oder Oase der kurzfristigen Nutzenbefriedigung. Durch diesen magischen Geist und seine barrierefreie Bequemlichkeit wird der Späti für viele Menschen zu mehr als nur einem kurzen Durchlauferhitzer. Anstatt in überteurte Bars zu gehen oder sich von Türstehern auf Asozialitätskonformität scannen zu lassen, beziehen die emanzipierten Großstadbürger ihre Genußmittel lieber gleich um die Ecke vor der örtlichen Spätverkaufsstelle. Mit ein bisschen Glück ignoriert das Ordnungsamt die Musik aus der Speaker-Anlage und Bierbänke dienen als traditionell minimalistische Sitzgelegenheit. Im Endlevel ist sogar bargeldloses bezahlen möglich: Wenn der Besitzer Dich kennt, lässt du Deine Rechnung nonchalant anschreiben. Mehr Transaktionsvertrauen gibts nur mit Blockchain.

Der Späti ist heute mehr als nur ein nächtliches Supermarktsubstitut. Er ist Lebenseinstellung und Lebensgefühl geworden. Als Freiheits- und Gleichheitssymbol wird er zum beliebten Bühnenbild für die Inszenierung des “urban life” – egal ob in Musikvideos oder auf Instagramprofilen. Er ist Kulisse für Geburtstagsparties, Live-Shows, Album Releases und Vertriebsplattform für Fußball Trikots. Der Späti als Quasi-Laufsteg. Demnach ist es meiner Meinung nach auch kein Zufall, dass in diesem egalitären Biotop einige der bestangezogensten Menschen des Universums zu finden sind. Was die Statdboheme sucht nämlich, lässt sich im Stil für die Spätverkaufsstelle finden: Originalität, Authentizität und Einfachheit. Wie erkennt Ihr aber den Späti-Style, den ich meine? Obwohl er Heimat der Bauchtasche ist, kann man den Späti-Style schwierig anhand konkreter Kleidungsstücke ausmachen. Ihr müsst ihn spüren. Im Gegensatz zu dem, was viele als „hipster“ beschreiben, ist er eigentlich unironisch, da er sich nicht über die gleichen Klischees lustig macht, die er selber bedient. Er meint, was er trägt und vereint viele Gegensatzpaare zu stilvollen Stilbrüchen: Hip-Hop und Techno. Konsum und Anti-Konsum. Neu und Vintage. Original und Zitat. Der Späti-Style ist frei, aufgeklärt und abgefuckt – genau wie das Internet. Und in das gleiche Internet habe ich hier für Euch ein paar Beispiele reingetan. Wie Ihr auf den Bildern sehen könnt, haben wir uns auch daran versucht. Viel Spaß beim Zuhause selber machen:

how i feel: 📷: @hendrik.schneider

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Späti-Kid der Nation: Yung Hurn. Er scheint Vintage Zeug mit Readymade-Accessoires, Turnschuhen und erfrischend lächerlichem Luxus zu mixen – meistens im stilsicheren Mischverhältnis. Außerdem liefert er den perfekten Soundtrack für die Generation-Späti. Er trinkt und besingt Stoli und Sterni – klassische Späti Drinks. Er stellt sich nicht wie viele seiner Fachkollegen in VIP-Bereichen mit dicken Flaschen und Frauen dar. Stattdessen scheint ihm häufig vieles einfach irgendwie egal zu sein. Das muss nicht unbedingt cool sein, aber es ist definitiv Späti.

ist dit geil

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details via @kidofthesun #allesberlin #monogram

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Zum Schluss zwei Späti-Empfehlungen für alle die auch mal mitmachen wollen: Ein Königsplatz der Späti-Kultur ist der Rosenspäti am Rosenthaler Platz (Spätkauf Rosenback im Weinbergsweg 27). Die ganze Woche gut besucht, viele Bierbänke und direkt im Mitte-Drehkreuz.

Der Kit Kat Späti (Bilder s. Oben; Spätverkauf Brückenstraße 15) liegt an der Jannowitzbrücke und bietet neben stabilem Getränkesortiment gute Verkehrsanbindung und viel Publikum Dank Club-Nähe zum OHM, Kit Kat und Tresor.