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UMDENKER TALKS — LILLY INGENHOVEN

Fair Fashion – genau wie Feminismus – ruft im unaufgeklärtem Mainstream-Hirn weitgehend negative und gänzlich fehlleitende Assoziationen auf, die den Begriffen kaum gerecht werden können. Um ersteres F-Wort von dem Irrglauben es wäre teuer und hässlich, sowie dem Bild der steif-kratzigen Stoffe, prüden Pädagogen oder dem alternativen Kommunen- und Selbstversorgerleben zu befreien, haben wir es uns zur Aufgabe gemacht coole Labels vorzustellen, die umdenken, dem gängigen Klischee widersprechen und uns Lust auf Slow-, Fair- oder Sustainable Fashion machen. In unserem Umdenker-Talks lassen wir die Designer sprechen und zeigen, wie es möglich werden kann, selbst ein bisschen grüner, nachhaltiger oder fairer zu leben. Es ist eine Zeitgeisterscheinung sich konsequenter mit seiner Umgebung auseinanderzusetzen – ja, man könnte fast sagen, ein Trend, der bleiben darf. Ob wir auf’s Fahrrad umsteigen, Öko-Energie beziehen, Bio-Produkte essen, Veganer und Vegetarier werden, fair produzierte Mode tragen oder uns einen Mix aus all dem zusammenstellen, wir werden bewusster und wissen, dass es an der Zeit ist, mit kleinen Veränderungen bei sich selbst anzufangen. Wir wollen diese Umbruchphase leichter machen, ohne uns selbst als Pioniere oder Vorbilder darzustellen, denn das sind wir nicht. Aber ein kleiner Schritt in die richtige Richtung kann zu einer gesellschaftlichen Umbruchphase führen.

Bei den großen Luxusmarken, deren Logo wir gerne als Statussymbol herumtragen, gibt es meist genauso wenig, vielleicht sogar weniger Transparenz als bei riesigen Retailern und doch erwarten wir als Kunden einen gewissen Standard an Nachhaltigkeit, Fairness oder Qualität. Der Preis vermittelt ein falsches Gefühl von Sicherheit, das wir nicht mehr hinterfragen. Genau deswegen ist es so wichtig, Brands zu haben, die den anderen den Spiegel hinhalten, Labels, die es besser machen und Designer, die darüber reden. Ein solches ist Lilly Ingenhoven. Das Label wurde 2013 in München gegründet und ist seither das deutsche Vorzeigeschild für Luxus Ready-to-Wear, von Abenkleidung über fließende Röcke und seidene Hoodies bis hin zur geschneiderten Bluse. Der Look ist clean, stark, elegant und dabei trotz fehlendem Firlefanz sehr weiblich. Die Pieces sind auf Haltbarkeit ausgerichtet, sie sollen ein Leben lang halten. Dementsprechend treffen wir das Motiv der Zeitlosigkeit nicht nur in der Qualität, sondern vor allem in der Gestaltung an. Die ausgesuchten Materialien und Stoffe kommen aus lokalen Manufakturen innerhalb Europas, die Knöpfe sind GOTS zertifiziert, während jeder Reißverschluss aus einem Familienbetrieb in der Schweiz kommt. Lilly hat für uns drei Fragen über ihr Label, ihre Vorstellung von einer besseren Welt und unser Konsumverhalten beantwortet. Das Mini-Interview lest ihr unten.

Wie stellst du dir eine Friede-Freude-Eierkuchen-Welt vor?
More Love! Ich glaube das kann man auf allen Bereichen des Lebens anwenden. Wenn wir einfach mehr Liebe und Respekt für unseren Planeten und unsere Mitmenschen und auch uns selbst aufbringen könnten wären wir schon einen großen Schritt weiter. Dabei aber den Aktionismus bitte nicht vergessen. So ganz ohne Trubel kommt man ja auch nicht weiter. 

Was macht deine Brand konkret, um dieser besseren Welt näher zu kommen?
Bei der Gründung lag es mir am meisten am Herzen zu gewährleisten, das keine Menschen leiden müssen um unsere Kleider herzustellen. Da wir mittlerweile fast ausschliesslich in München oder Bayern produzieren kann ich das mit 100% Sicherheit behaupten. Viele Teile werden bei uns im Atelier in München gefertigt. Dazu kommt, dass wir nur Naturmaterialien benutzen, die aus Europa stammen. Ähnlich wie bei der Produktion spielt hier auch einfach die Entfernung eine Rolle. Weniger Transport, weniger Transportkosten, weniger CO2 Verbrauch, etc. Die Chemikalienverwendung bei der Erstellung von Stoffen und die Entsorgung dieser ist in der EU viel strenger reglementiert als in Ländern wie Bangladesch oder China, wo ein Großteil der Bekleidung herkommt die man in Deutschland kaufen kann. Außerdem sind unsere Teile zeitlos und von hoher Qualität, so dass sie viele Saisons überdauern können.

Was können wir alle in unserem Alltag bewusster gestalten?
Buy less choose well! 

Bei allen ideologischen Diskussionen (von denen es zur Zeit zum Glück viele gibt) ist es wichtig die Umsetzung nicht zu vergessen. Ich habe zur Zeit das Gefühl, dass sehr viel geredet wird aber nicht immer auch viel getan wird. Vielleicht auch aus Angst was falsch zu machen. Aber Nichts zu machen ist sicherlich die falsche Konsequenz. Es kann nicht jeder alles richtig machen, aber es kann jeder für sich einen Teil richtig machen, der ihm am Herzen liegt. Manchmal ging es mir so, dass ich über ein Thema nachgedacht habe, Ernährung zum Beispiel, und mich dann schnell so sehr rein gesteigert habe, dass ich das Gefühl hatte, gar nichts mehr richtig machen zu können. Aber das hilft auch keinem. Also lieber die Kleinigkeiten umsetzen bei denen man sich sicher ist und dann weiterdenken und evaluieren. Aber nur vom Diskutieren und Sorgen machen wird sich leider nichts ändern. Ich glaube schon, dass viele Kleinigkeiten am Ende einen Unterschied machen. Der Konsument muss sich seiner Macht bewusst sein, mit jedem Kauf trifft er eine Entscheidung und die hat auch Konsequenzen. Die Nachfrage regelt schließlich das Angebot. Also: Buy less choose well! Ich habe für mich persönlich vor ein paar Jahren entschieden Kleidung nicht mehr zu kaufen, wenn ich nicht gewährleisten kann, wie die Bedingungen in dem jeweiligen Herkunftsland sind. Leider hilft das den Näherinnen vor Ort auch nicht. Aber es setzt ein Zeichen an die großen Textilfirmen – die könnten nämlich wirklich was verbessern. Die Bedingungen in den meisten Europäischen Ländern mögen noch vertretbar sein, in Bangladesch/China/Kambodscha etc. sieht das ganz anders aus. Das betrifft nicht nur die Bedingungen unter denen die Näherinnen dort arbeiten, sondern auch die Chemikalien, die verwendet werden und die Entsorgung eben solcher. Kleidung sollte keinesfalls als Wegwerfware betrachtet werden. Den Preis für ein Bluse oder ein Kleid, für die wir nur ein paar Euro zahlen, zahlen im Endeffekt die Näherinnen und die Umwelt.

Die Konsequenz daraus sollte sein: Weniger und bewusster kaufen.