Kosmos, Kulturfilter

MANIFESTA PALERMO 2018 GUIDE

Ultra-blaues Wasser, bestes Wetter, steinerne Meeresbuchten ganz für sich allein, Fisch, günstiges Wohnen und die besten Zutaten für ein frisches italienisches Essen – das ist Sizilien in den Köpfen der Touristen. In der Realität sieht es dagegen anders aus: Sizilien ist eine Insel, die von Armut, Verfall, Migration, Kriminalität und der Mafia geprägt ist, die eine Jugendarbeitslosigkeit von über 30 Prozent aufweist und die geografische Schnittstelle von verschiedensten Kulturen ist und schon immer war. Alles, was unterhalb Neapel zu finden ist, nennen die Italiener “Nordafrika”, denn hier verlaufen sich die westlichen Werte und die europäische Organisation. Eines der besten Beispiele für dieses besagte “Afrika” ist Palermo, die italienische Kulturhauptstadt 2018 und Gastgeberin der Manifesta 12.

Die Manifesta ist die berühmteste Wanderbiennale Europas für zeitgemäße Kunst, die in den frühen 90er Jahren als Reaktion auf das Ende des kalten Krieges in Amsterdam gegründet wurde und alle zwei Jahre in einer anderen europäischen Stadt stattfindet. Sie soll den ästhetisch-politischen Dialog auf europäischer Ebene aufrechterhalten und stellt so verschiedene aufkommende und teilweise schon anerkannte Künstler und deren Projekte vor. 2018 findet sie in Palermo unter dem Namen “The Planetary Garden. Cultivating Coexistence” statt. Der planetarische Garten dient hier als Metapher für die menschliche Verantwortung als Gärtner, nach dem Konzept des französischen Botanikers Gilles Clément. Für die Manifesta in Palermo dienen der botanische Garten, sowie die Flora und Fauna der Stadt als Leitbild: Palermo als eine Stadt, die historisch unter verschiedenen Herrschaften stand, wie der Arabischen, Normannischen, Römischen, Byzantinischen oder Spanischen, ist ein Beispiel für pflanzliche Mischkulturen – ob Zitronenbaum, japanische Wollmispel oder sogar Papyrus, das sizilianische Klima ermöglicht den Wachstum von seltenen Pflanzen aus aller Welt. Diese einzigartige Symbiose von Mischkulturen steht sinnbildlich für die Kultur und den Zustand der Stadt am Mittelmeer, die von menschlicher Diversität geprägt ist, von Flüchtlingsströmen und Multi-Kulturen. Die Manifesta sieht Palermo als Beispiel für die größere politische Lage Europas, als aktuelle politische Diskussionen über Migration und Klima. Sie versucht der Stadt nachhaltig Mehrwert zu geben. So geht es bei der diesjährigen Wanderbiennale nicht nur um die ausgestellten Kunstwerke, sondern vor allem darum eine Studie der Stadt anzufertigen, soziale Projekte mit Kunst zu verbinden und die Einwohner mit einzubeziehen. Das niederländische Architektur-Büro OMA unter Rem Kohlhaas erstellte rein für diesen Zweck den sogenannten “Palermo Atlas”, eine urbanistische Studie, als Grundlage für Stadtentwicklung, Landkarten, Daten zu Flüchtlingsströmen, Bewohnerzahlen und Historie. Die Architektur Palermos ist seit 2015 Weltkulturerbe, doch stehen immer noch tausende Gebäude leer, darunter Palazzi mit Deckenfresken und langer Geschichte. Die Manifesta macht aus diesen vergessenen und verwaisten Orten Ausstellungsorte und Kunsthallen. Zusammen mit lokalen Communities werden architektonische, urbane, ökonomische, soziale und kulturelle Strukturen hinterfragt und neu gedacht. Den Einwohnern soll so das Potential ihrer Heimat vor Augen geführt werden. Angeboten werden kostenlose Führungen für Schulklassen, deren Schüler dann zuhause von der Manifesta erzählen sollen, außerdem gibt es ein Freiluftkino am Strand, das kostenfrei Filme zeigt, deren Spielort Palermo ist.

“Manifesta 12 in Palermo is a great challenge to rethink how far cultural interventions can play a role in helping re-shaping one of the most iconic Mediterranean crossroads in our history as part of a long term transformation process. Manifesta 12 will raise questions such as: “Who owns the city of Palermo?” and “how to claim back the city?“ The city’s migration problems are symbolic of the far wider crisis situation which the whole of Europe is facing right now.” – Hedwig Fijen, Manifesta Director 

WHAT TO SEE
1. Im Sala delle Capriate, dem alten Stadtarchiv von Palermo, in denen Dokumente vom 17 Jahrhundert bis heute gelagert werden und verstauben, zwischen Akten und Ordnern, projiziert das Video-Kunst-Duo Masbedo eine Bewegtbild-Projektion.
2. Wer durch die Straßen von Palermo läuft, dem fallen gelbe Netze, gespannt über Bäumen und Pflanzen auf. Das Projekt “Garden of Flows” bewässert ohne zu bewässern, indem die Wassermoleküle aus der schwülen sizilianischen Luft eingefangen werden und die Pflanzen so versorgen.
3. Die Telefonzelle mit der großen Aufschrift “Call-A-Spy” verbindet den Anrufer direkt mit einer von über 5.000 Nummern aus einer geheimen Datenbank. So können Manifesta-Besucher mit Mitarbeitern der offiziellen internationalen Geheimdienste sprechen.
4. Patricia Kaersenhout, Künstlerin, Aktivistin und visuelle Feministin, baute einen Salzberg auf, um der Legende der “Flying Africans” zu gedenken; Afrikanische Sklaven, die kein Salz aßen, um nach ihrem Tod leichter zu sein, sodass ihre Körper zurück nach Hause “fliegen” könnten.
5. Laura Poitras, die mit ihrer Dokumentation über Julian Assange in Cannes nominiert wurde und mit ihrem Film “Citizen Four” 2015 den Oscar für den besten Dokumentarfilm bekam, zeigt auf der Manifesta ihr neuestes Projekt, über Sizilien, insbesondere über das vermehrte Vorkommen von amerikanischer Militärpräsenz auf der Insel.

MEHR EINDRÜCKE
Unser Fotograf Valentino Bianchi war für uns auf der Manifesta und hat ein paar Eindrücke festgehalten

Alle Bilder von Valentino Bianchi 

GENERELLE INFORMATIONEN
– Die Manifesta läuft schon seit Juni und bis zum vierten November 2018
– Öffnungszeiten sind Donnerstag bis Sonntag von 10:00 bis 20:00 Uhr
– Tickets für Studenten und die komplette Saison kosten 10 Euro, Erwachsene zahlen für ein 1-Day Ticket 10 Euro, für ein 3-Day Ticket 25 Euro
– Viele Dinge sind auch ohne Ticket öffentlich zugänglich

Wer also interessiert ist, sich aber von der Entfernung abschrecken lässt, dem sei gesagt, dass Flugtickets ab Berlin schon bei 17 Euro anfangen und Airbnbs schon bei 20 Euro die Nacht