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STIMMEN GEGEN RASSISMUS- MILLA AUS CHEMNITZ

WIESO PLÖTZLICH SO POLITISCH LISA? 

Nachdem ich Dienstag in New York von den Ausschreitungen in Chemnitz erfahren habe, bin ich erst einmal in eine Schockstarre verfallen und das Thema Rassismus in Deutschland und die nationalistischen Tendenzen haben mich die letzten Tage sehr beschäftigt. Auch sehr persönliche Ängste spielen dabei eine Rolle, da ich viele Freunde mit Migrationshintergrund oder die “nicht deutsch” aussehen habe. Mir war sofort klar, ich will, ich muss Stellung beziehen! Doch mir ist bewusst, dass kein Instagram Post, kein Blogbeitrag einen Nazi von seiner Meinung abbringen kann. Trotzdem bekommen die rechten Lager und Negativbeispiele der Migration in den Medien, meiner Meinung nach, zu viel Aufmerksamkeit. Wenn Social Media Postings oder Einzelmeinungen alleine vielleicht nicht viel bewegen können, so kann es eine Masse an öffentlichen Personen und Statements. Ich finde es wichtig, seine Reichweite zu nutzen, den Mund aufzumachen und als Influencer Position zu beziehen auch wenn Politik nicht unser Steckenpferd ist. Ich habe entschieden unseren Blog als Plattform für Stimmen gegen den Rassismus zu nutzen, denen eine Bühne und Reichweite zu geben, die auf Seiten der Gegendemonstranten standen und stehen. Milla kommt aus Chemnitz und engagiert sich schon seit langem gegen Rassismus vor Ort und war Montag Abend bei den Ausschreitungen dabei. Sie hat mir auf Instagram geschrieben und ich habe sie gefragt, ob sie nicht Lust hätte ihre Perspektive bei uns zu teilen und bin sehr dankbar für ihren Mut. Lasst uns da hinschauen wo Integration gelingt, uns gegenseitig als Menschen erkennen und die Art und Weise wie die öffentliche Debatte geführt wird positiv lenken. Unsere deutsche Vergangenheit verpflichtet uns Rassismus die rote Karte zu zeigen und eine deutliche Gegenposition zu Gewalt und Diskriminierung gegen Ausländer zu beziehen.

STIMMEN GEGEN DEN RASSISMUS – MILLA AUS CHEMNITZ – EIN ERFAHRUNGSBERICHT 

Ich bin übersättigt und müde.  Trotzdem aktualisiere ich unermüdlich Twitter, diverse Online-Zeitungen, Foren und Blogs. Ich kann nicht ablassen. Mit jedem Menschen dem ich in diesen Tagen begegne, spreche ich über Fakten, Emotionen und eine Zukunftsvision im Kampf gegen Rassismus. Was können, was müssen wir tun? 

Montag den 27.August, um 16.30 klingelt es an meiner Tür zu Hause in Chemnitz. Eine gute Freundin kommt vorbei, um gemeinsam zum Gegenprotest in den Chemnitzer Stadthallenpark zu laufen. Dieses Vorgehen ist bei uns Gewohnheit und wird bei der Anreise jeder Demo, welcher wir uns anschließen, praktiziert. Wie unfassbar wichtig diese Routine ist, werden wir vor allem auf unserem nach Hause Weg feststellen. Der Protest des Bündnis Chemnitz Nazifrei setzt ein klares Zeichen gegen die rechtsextreme Instrumentalisierung des in Chemnitz stattgefunden Mordes. In der Nacht zum Sonntag hatte es eine Auseinandersetzung zwischen mehreren Personen gegeben, bei welcher ein 35-Jähriger an den Folgen dieser verstarb. Eine Straftat, welche von den staatlichen Instanzen verfolgt und bestraft werden muss. Doch schon innerhalb weniger Stunden kursieren Vermutungen über die Herkunft der Täter und den Tathergang im Netz. Diese Annahmen wurden verwendet, um in kürzester Zeit mehrere hundert Rechtsextreme zu mobilisieren. Sonntag Abend bildete sich ein rechter Mob, welcher eine Hetzjagd auf Menschen, die sie für Migranten hielten, beging. Die Polizei war an diesem Abend von der großen Ansammlung gewaltbereiter Menschen überrascht worden. Demzufolge konnte sie keine vollkommene Sicherheit der Verfolgten garantieren. In den sozialen Medien verbreiteten sich Bilder progromartiger Szenen wie ein Lauffeuer. Doch wo bei den Einen ein Entsetzen ausgelöst wurde, schürte es bei vielen Gleichgesinnten aus der rechten Szene den Drang auch auf die Straße zu gehen und gegen Ausländer und die Migrationspolitik zu kämpfen.

Und so stehen wir nun Montagabend als demokratischer Gegenpol, den Hooligans, Rechtsextremen und “besorgten Bürgern” gegenüber. Von Vereinen und Aktionsbündnissen in Halle, Leipzig und Dresden wurde aufgerufen, dem rechten Mob entgegenzutreten. Erwartet werden insgesamt 1500 Gegendemonstranten. Doch auch die Demonstration von Pro Chemnitz mobilisieren mit der Unterstützung unterschiedlichster rechtsorientierter Gruppierungen. Während die Teilnehmeranzahl der Rechtsextremen Demo auf 6000 anwächst, sammelt sich der Gegenprostest entlang der Stadthallenparkgrenze, um auf Hör- und Sichtweite zu protestieren. Die Stimmung ist angespannt. Nur eine lückenhafte Kette an Polizisten trennt die beiden politischen Lager. Es ist schon jetzt erkennbar, dass nicht genügend Personal zu Verfügung steht, um eine allumgreifende Sicherheit der Gegendemonstranten zu gewährleisten. Vor den Augen der Karl Marx Statue werden unterdessen vermehrt Hitlergrüße gezeigt und rechte Parolen wie: „Ausländer raus“ oder „Deutschland den Deutschen“ gegrölt. Der vermeintlich angemeldete Trauermarsch der Rechten, lässt sich nicht als solch einen erkennen. Ich fühle mich zunehmend unsicher, die Situation schüchtert mich ein. 19.40 Uhr nehme ich ein lautes Knallen war und wir schrecken auf. Die Lage entgleitet der Polizei, die Stimmung eskaliert. Die Polizeikette zwischen den beiden Veranstaltungen wird von Rechtsradikalen durchbrochen. Es fliegen Glasflaschen und Böller. Nur durch das Auffahren von zwei Wasserwerfern und das Errichten einer Barriere durch Polizeiautos, gelingt es die Versammlungsteilnehmer voneinander zu trennen. Um eine Eskalation zu vermeiden, gewährt die Polizei dem 6000 Menschen starken Protest ihre Route durch die Stadt zu gehen. Wir bleiben betroffen zurück. Jedem, dem danach ist, wird das Mikrofon zur Verfügung gestellt. Es werden Ängste geteilt von Jenen, die eine Verfolgung durch Neonazis erfahren haben oder von Alltagsrassismus betroffen sind. Ich bin ergriffen und bestürzt. Die Sicherheitslage lässt keine weiteren Proteste in Hör- und Sichtweite der Rechten zu. Man konzentriert sich nun ausschließlich darauf, alle Teilnehmer sicher nach Hause zu geleiten. Trotz Kooperation mit der Polizei, kommt es zu Übergriffen auf abreisende Demonstranten durch Rechtsextreme. Auch meine Freundin und ich begeben uns auf den Heimweg. Wir bilden nun eine Gruppe von ungefähr 20 Leuten, um vor auflauernden Neonazis sicher zu sein. Alleine will jetzt niemand sein. Erst jetzt registriere ich mein stark pochendes Herz.

Ich engagiere mich nun schon viele Jahre im Kampf gegen rassistisches Gedankengut. Sei es am 05.03, wenn Nazis versuchen den Jahrestag der Bombardierung von Chemnitz zum Anlass zu nehmen, einen Trauermarsch für die Opfer zu veranstalten oder am 1. Mai, wenn „Der Dritte Weg“ zu einer Großdemonstration aufruft. Noch nie habe ich mich jedoch so unsicher gefühlt, wie an diesem Abend. Das Grundrecht auf Unversehrtheit konnte die Polizei nicht ausreichend schützen. Obwohl der Verfassungsschutz vor der Ankunft mehrerer tausend Teilnehmer warnte, wurde die Lage unterschätzt und ein breiter Handlungsspielraum zum Missbrauch von Gewalt geschaffen.

Es geht nicht darum politisch links zu sein, es geht darum sich gegen Rechtsradikale zu positionieren. Indem ich Teil der Gegendemonstranten bin, trete ich für Toleranz, Menschlichkeit und Nächstenliebe ein. Jeder der auf der Straße oder im Internet ein klares “Nein zu Nazis” kommuniziert, zählt und zeigt, wir sind auch das Volk, wir sind keine schweigende, bequeme Mehrheit, die einfach nur zusieht, sondern wir zeigen Solidarität gegenüber Flüchtlingen und Opfern rechter Gewalt. Damit setzen wir ein Zeichen für Politik und Gesellschaft. Dazu gehört es für mich auch sich zu bilden, sich zu informieren, Zusammenhänge zu verstehen und zu hinterfragen und Gleichgesinnte zu motivierten mitzumachen und sich zu äußern. Gerade rechte Netzwerke nutzten das Schüren von Angst und Fehlinformationen, um Anhänger zu gewinnen. Ich selbst erhalte Hassnachrichten auf Instagram, wo ich mich kontinuierlich politisch äußere. Doch ich muss mir immer wieder bewusst machen, dass man dem Strom von Hass nicht alleine entgegensteht, denn es formt sich ein immer wachsender Protest.

Die Bestürzung über die Ausschreitungen scheint Deutschland wach zu rütteln und der nationale Blick auf Chemnitz macht klar: wir haben ein Problem nationaler, rechter Tendenzen und mit “wir” ist nicht Chemnitz, nicht Sachsen, nicht Ost-Deutschland gemeint, sondern Deutschland. Leider wurde das am Beispiel Chemnitz nun stark verdeutlicht und ich kann nur hoffen, dass den Menschen und der Politik langfristig bewusst wird, sich durch Bildung, Aufklärung und Initiativen für eine bunte, tolerante, faire und offene Gesellschaft zu engagieren.

“Bündnis Chemnitz Nazifrei” organisiert am Samstag, dem 1. September die Versammlung „Herz statt Hetze“. Die Chemnitzer Band Kraftklub rief die Bewegung #wirsindmehr ins Leben. Damit startet sie eine Konzertreihe für einen bunten Protest mit Bands wie den Toten Hosen, Materia und Casper. Ihr Claim #wirsindmehr ist jetzt bereits Aufhänger für eine deutschlandweiten Bewegung auf den Straßen und in den Sozialen Medien. Ebenfalls mobilisieren „Leipzig nimmt Platz“, „Halle gegen Rechts – Bündnis für Zivilcourage“ und Feine Sahne Fischfilet. „Chemnitz FAIRmessen“ lädt zum Bürgerdialog ein.

Ich mag übersättigt von all den Informationen sein. Ohnmächtig lässt es mich dennoch nicht werden. Ich werde weiter zu Demonstrationen gehen und meine eigene Angst überwinden, die Drohungen ignorieren. Anhand der vielseitigen Aktionen spüre ich die Motivation der Menschen und den Zusammenhalt für die gute Sache. Demokratie lebt für mich von Austausch auf Augenhöhe und in Abwesenheit von Gewalt.

Folgt Milla auf Instagram und schaut euch ihr Story Highlight “Chemnitz” an.

?merci @mohrfeeling ?

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WEITERFÜHRENDE ARTIKEL ZUM THEMA:

Zu der nicht rechtmäßigen Veröffentlichung des Haftbefehls der möglichen Täter des Mordes: http://www.taz.de/!5532452/

Der Polizeibericht zu den Ausschreitungen am Montag: https://www.polizei.sachsen.de/de/MI_2017_59061.htm

Gespräch mit Sachsens Ministerpräsident Kretschmer, CDU: https://www.tagesschau.de/multimedia/video/video-442069.html

Nachrichten aus der lokalen Zeitschrift Freie Presse: https://www.freiepresse.de//chemnitz/nach-gewalttat-und-ausschreitungen-in-chemnitz-neuerliche-panne-bei-aufklaerung-artikel10298116

Eine Sicht des Nachrichtenportals BBC: https://www.bbc.com/news/world-europe-45324804

Comments 2

  1. Stephanie

    Super tolles Engagement und auch danke, dass du hier schreibst! Macht weiter so!

  2. NORA

    Sau stark!. Finde es toll, dass ihr eure Plattform öffnet und damit Menschen wie Milla eine Stimme gebt um zu zeigen, dass wir mehr sind (auch wenn leider anderen mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird). Leider erwecken viele BloggerInnen und InfluencerInnen den Anschein, sie hätten darüber keine wirkliche Meinung, wenngleich ich davon aus gehe, dass sie ein fundiertes Statement dazu abgeben können. Um so mehr freut es mich, dass ihr so viel Stärke, Mut und Charakter habt und zeigt und damit deutlich macht, dass (Mode-)Blogs und Politik Hand in Hand miteinander gehen können.
    Danke!

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