Kosmos, Kulturfilter, Lifestyle, Mode

“Zwischen Traumakörper und Traumkörper”: Fabian Hart über Body-Issues und neue männliche Körperbilder

“Zwischen Traumakörper und Traumkörper”: Fabian Hart über Body-Issues und neue männliche Körperbilder

Fabian Hart kommentiert Mode und vieles darüber hinaus. Auf FabianHart.com und Instagram verwendet er neben Wortakrobatik auch Kleidung als Ausdrucksmittel. In der fünften Ausgabe seiner Kolumne “Das neue Blau” erklärt Hart, warum “groß und stark” zu sein keine Bedingung für Männlichkeit ist.

Ich war ein appetitloser Spätzünder und mit 17 noch Körperkind: zart und schmächtig, femme und zerbrechlich. Die Jungs in meiner Klasse hatten Muckis, tiefe Stimmen, Flaum am Kinn und die 1,80 m längst überschritten. Also fakte ich meinen eigenen Stimmbruch, zog drei Pullis übereinander, steckte Socken in meine Schuhe um mit 1,65 m wie auf Absätzen zu laufen. Ich wurde zu meiner eigenen Drag-Version.

Obwohl mein Körper zu jeder Zeit einwandfrei funktionierte, und ich mir bewusst war, dass ich ihm jede Menge Privilegien verdanke – etwa keinen Rassismus erfahren zu müssen, als Cis-Mann nicht diskriminiert, objektiviert und sexualisiert zu werden – hat er mir Probleme gemacht. Ich sah mich als Hänfling mit Storchenbeinen, als eine Art Wolpertinger: irgendwie falsch zusammengesetzt.

Für mich stand fest, dass ich keine andere Chance hatte als groß und stark zu werden, um ein richtiger Kerl zu sein. Dieses Männlichkeit legitimierende Körperideal wird an uns seit Generationen weitergegeben – und dadurch wahr. Traditionelle Massenmedien stärken dieses Image. Vor ein paar Wochen las ich in einer Frauenzeitschrift den Kommentar einer Redakteurin zu ihrem Männertypen: “Generell soll jeder machen, worauf er Lust hat, aber mein Mann muss Steaks essen, Bier trinken und uneitel sein.” Für Männer gilt auch 2019 noch das Bild vom starken Geschlecht zwischen “Dad Bod” und “Davidoff Hunk”. Frauen werden weiterhin Diäten eingeredet, um sie künstlich klein zu halten. Size Zero als Goal kurz vor der Entkörperung.

Der Mann, zu dem ich als Jugendlicher unbedingt werden wollte, konnte ich auch ein paar Jahre später mit 1,87 m nicht sein. In den meisten Gay Clubs und auf Dating-Plattformen galt “Masc for masc” und “straight acting”. Zur Erklärung: Mit “Masc for Masc” macht ein schwuler Mann von klassisch maskuliner Erscheinung klar, dass er einen ebenso maskulinen Gegenpart sucht. “Straight Acting” beschreibt eine maskuline Statur und Körpersprache, die Heterosexualität nicht in Frage stellt. Homosexuelle Männer adaptieren dabei heteronormative Sichtweisen auf Männlichkeit und wenden diese gegen sich selbst an, eine Form von verinnerlichter Homophobie. Denn den Mut zu haben, sich als schwul zu outen, befreit einen ja nicht gleichzeitig von der Scham, hegemonialen Männlichkeitsanforderungen nicht gerecht werden zu können. Der Körper ist für viele schwule Männer dabei die naheliegende Möglichkeit zumindest physisch zu entsprechen. Das war bei mir nicht anders. Ich begann zu trainieren, exte Proteinshakes, pumpte so gut ich konnte und blieb trotzdem Nadja Auermann, meiner schlanken, mittlerweile langen Beine wegen. Ich steckte fest in einem nicht enden wollenden Transitzustand zwischen Traumakörper und Traumkörper.

Dass ich später ausgerechnet für Männermagazine schrieb, war natürlich auch kein Zufall. Das ging so lange gut, bis mir irgendwann die Themen ausgingen und ich an Fußballern als Vorbilder scheiterte, am Statussymbol Auto und Anzugs-Guides. Männermagazine leben genauso von den Unsicherheiten, die Männer gegenüber ihrer eigenen Männlichkeit haben wie Frauenmagazine von den Unsicherheiten ihrer Leserinnen. Unsicherheiten, die vor allem durch eine einseitige Darstellung von Geschlechterrollen geschürt werden. Frauen sollen schöner sein als andere Frauen, Männer stärker sein als andere Männer, überlegen im Beruf und im Gym.

Nach meiner Printzeit habe ich im Netz ein zu Hause gefunden, weil hier Platz für alle ist. Auch für die, die das binäre Geschlechtersystem sprengen und damit nicht nur die traditionelle Vorstellung von Männlichkeit und Weiblichkeit. Auf Instagram und Twitter begegnet man Personen, die nicht Cis-Mann und Cis-Frau sind. Trans Personen sind in den “Old Media” kein Thema und auch wenn seit ein paar Monaten das dritte Geschlecht in Deutschland gesetzlich anerkannt ist, muss Intersexualität 2019 noch öffentlich als Karnevalsgag herhalten. Für LGBTQ+ und andere marginalisierte Gesellschaftsgruppen sind soziale Medien also oft die einzige Möglichkeit sich Gehör zu schaffen und sichtbar zu werden.

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Ein Beitrag geteilt von Sinéad Burke (@thesineadburke) am

Wie Aktivistin Munroe Bergdorf, die zu Inklusion marginalisierter Gesellschaftsgruppen aufruft und als trans Frau und POC einen bedeutenden Identifikationsfaktor hat. Dank ihrer digitalen Öffentlichkeit sind über ihre hundertzwanzigtausend Follower hinaus mittlerweile auch viele klassische Medien auf Bergdorf aufmerksam geworden. Im britischen Fernsehen enttarnt sie eloquent und souverän Aussagen von Medizinern und anderen Experten als transphobe und misogyne Botschaften statt Fakten. Gerade hat “The Independent” über ihre Rede auf dem WOW Festival geschrieben, in der sie über die feindliche Berichterstattung vieler Medien gegenüber trans Frauen sprach.

Auch Sinéad Burke nutzt Instagram als Aufruf zu Inklusion und um die Aufmerksamkeit auf ihre Vorträge zu lenken, mit denen sie ein ganz bestimmtes Publikum anspricht: die Modebranche, die ihre Ignoranz überwinden und Menschen mit Behinderung sowohl sichtbar machen, als sie auch in Designprozesse involvieren soll. Sie selbst verkörpert als Kleinwüchsige auf ihren Bildern eine notwendige Alternative zur großen, dürren, weißen Blonden, die von kommerziellen Medien nahezu fetischisiert wird.

Auch meine Freundin Melodie Michelberger zeigt auf Instagram eine andere Realität – die der Mehrheit deutscher Frauen: eine Kleidergröße zwischen 40 und 42. “Ich zeige mich so lange in Unterwäsche, bis ich ich nicht mehr als mutig gelte, nur weil ich kein XS trage.” Melodies Bilder und Statements werden kommentiert und geteilt und finden auch ihren Weg aus dem Netz in den Mainstream der Printmedien.

Im Vergleich dazu gibt es wenige Männer, die öffentlich machen, dass sie frustriert sind von den körperlichen Anforderungen an ihr Geschlecht. Einer von ihnen ist Adam Eli, Autor und LGBTQ+ Aktivist. “Ich bin ein queerer Mann, der ernsthafte Probleme mit seinem Körper hat und damit bin ich nicht alleine. Ich schäme mich für meinen Körper und verbringe viel Zeit und emotionale Energie damit klarzukommen. Wenn ich auf Instagram etwas über meinen Körper poste, ist das Feedback dazu überwältigend. Wir reden darüber viel zu wenig, es gibt dafür zu wenige Plattformen und ich hoffe, ich kann das ändern.” Er spricht ehrlich über seine Erfahrungen auf Dating-Plattformen, Angst-Attacken und dass es ihn Überwindung kostet, in der Öffentlichkeit seinen Körper zu zeigen.

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Ein Beitrag geteilt von Melodie Michelberger (@melodie_michelberger) am

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Ein Beitrag geteilt von Joseph W. Ohlert, Photographer (@josephwolfgangohlert) am

Der deutsche Fotograf Joseph Wolfgang Ohlert sagt: “Ich habe vor kurzem zum ersten Mal seit Jahren ein Bild gepostet, auf dem ich oberkörperfrei zu sehen bin. Über die Jahre habe ich gemerkt, dass ich nie zufrieden war wie ich ausgesehen habe. Wenn ich heute alte Bilder sehe, denke ich im Nachhinein, dass ich eigentlich ganz hübsch war, nur eben nicht durchtrainiert. Man denkt man hat eine gesunde Selbsteinschätzung, aber man ist tatsächlich nie zufrieden mit seinem Körper. Je dicker ich wurde, desto egaler wurde es mir. Wenn jemand heute zu mir sagen würde, dass ich fett bin, klänge das für mich eher wie eine Tatsache. Fett ist kein Schimpfwort.”

Seiner Meinung nach haben Männer eine gute Begabung, Dinge, die sie stören, nicht wahrhaben zu wollen und darüber einfach nicht zu sprechen. Eine Erklärung, weshalb “Body Issues” eher als Frauensache gelten. Doch die Frauenbewegung der letzten 40 Jahre hat sich auch auf das Körperbild des Mannes ausgewirkt. Frauen fordern ihre Selbstbestimmung ein und Männer begreifen, dass ihre Versorgerrolle ein Auslaufmodell ist und damit auch unsere noch geltenden Geschlechterrollen. Nicht länger den starken Macker markieren zu müssen, ist eine Chance das starre Männlichkeitsbild aufzulösen. Dazu müssen wir Männer von unseren Überlegenheitsgefühlen ablassen, die wir auch durch unsere Gestalt manifestieren.

Auf fabianhart.com, Twitter und Instagram konnte ich in den letzten Jahren über Themen schreiben und an mir selbst bebildern, die bis heute für kommerzielle Massenmedien noch zu mutig sind. Über die Notwendigkeit eines “Make-up Calls” für Männer oder die Ehe für alle – mit einem Foto von mir mit Schleier – oder warum es kein Kompliment ist gesagt zu bekommen, man würde mir nicht anmerken, dass ich schwul sei. Self Publishing wurde zu meiner persönlichen Therapie und Ausdruck von Pride. Wann aber können wir James Bond, den Archetypen von Männlichkeit, endlich in Rente schicken? Zumindest so wie wir ihn kennen und ihn stattdessen neu besetzen. Als femininen Langbeinigen im Spitzenanzug etwa – why not?

Für mehr Kolumnen klicken Sie hier!

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Ein Beitrag geteilt von Fabian Hart (@fabianhart) am

Dieser Artikel ist zuerst bei VOGUE Germany erschienen 

Fotografie von Anna Wegelin