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ME MONDAY – DIE SELFCARE-BALANCE

ME MONDAY – DIE SELFCARE-BALANCE

Wir sind immer online, immer erreichbar, nehmen unsere Arbeits-E-Mails mit ins Wochenende und definieren uns darüber, wie “busy” wird sind – denn “busy” zu sein bedeutet erfolgreich zu sein, produktiv zu sein, beliebt zu sein, Freunde, ja, Spass zu haben. Menschen, die “busy” sind, scheinen wichtig zu sein. Auf der anderen Seite treibt uns diese Dauer-Auslastung und 24/7-Erreichbarkeit zu einem neuen Trend: Der Trend des ausgesuchten Allein-Seins. Wir machen Digital Detox, Phones Down-Events und betreiben exzessiv Selfcare. Wir leben in Zeiten, in denen Schlagwörter, wie Awareness, Empowerment und Selflove nicht mehr nur im Yoga-Kurs zu hören sind, sondern in jedem zweiten Meeting auftauchen. Statt einer Work-Life-Balance, geht es jetzt um eine Busy-Alonetime-Balance. Wobei der Begriff Alonetime, oder das Allein-Sein, auch mit Selfcare, also der Selbstfürsorge gleichgesetzt werden kann. Wie wichtig Selbstfürsorge für uns ist, zeigt, dass der Hashtag #Selfcare bei Instagram 24,3 Millionen mal verwendet wurde (zum Vergleich: Der Hashtag #Partyhard wird nur 4,3 Millionen mal benutzt), dass der Markt für Selfcare-Produkte in den USA aktuell auf etwa 9,9 Milliarden geschätzt wird, und die populärste App-Suchkategorie in 2018 Selfcare war. Aber Selfcare ist nicht gleich Selfcare: Sich etwas zu gönnen, sich Zeit für sich selbst zu nehmen, einfach mal etwas nur für sich zu machen, das kann für Jeden und Jede anders aussehen. Wir wollen das Trend-Wort greifbar machen und zeigen, wie unsere Zeit genutzt werden kann, um wieder bei sich selbst anzukommen, um sein Ich-Sein zu entwickeln und seine ganz eigene Busy-Alontime-Balance zu finden.

1. Bildung

Sich um sich selbst zu kümmern, muss nicht in der klischeebehafteten Badewanne und mit der obligatorischen Gesichtsmaske passieren. Es kann auch bedeuten, dass man etwas macht, nur um sich selbst mehr zu gefallen. Und wann gefallen wir uns selbst besser, als wenn wir einen Erfolgsmoment haben? Wir hatten unsere letzten wirklich reinen Erfolgsmomente als wir uns neuen Leidenschaften gewidmet haben und als wir gesehen haben, dass diese fruchten. So kommt es, dass wir uns jetzt mehr unserem Kopf widmen. Das Schulfranzösisch bessern wir mit Duo Lingo oder einem Kurs an der Volkshochschule auf. Unser Interesse an Philosophie stillen wir, indem wir, statt zum zehnten Mal Friends zu gucken, das Café der Existenzialisten lesen. Wir greifen nun viel öfter zu dem Film-Klassiker, von dem wir wissen, dass er gut ist und unser Leben bereichern wird, aber für den wir nie in der richtigen Laune zu sein scheinen. Statt auf Drinks, treffen wir uns auf ein Panel, einen Talk, oder setzen uns in die hinterste Reihe der Judith Butler Vorlesung an der Uni auf der wir noch vor ein paar Jahren selbst studiert haben. Und auf dem Klavier können wir nicht mehr nur den Flohwalzer spielen. Wir buchen uns endlich den Nähkurs, den wir schon immer machen wollten und gehen zu dem Töpferkurs, an dem wir nach dem Yoga immer vorbeilaufen. Zusammengefasst: Selbstfürsorge hat so viele Gesichter, wie wir Interessen haben. Wir müssen uns nur einen kleinen Push geben.

2. Bewegung

Ein Thema, das ganz einfach in die vorige Kategorie gepasst hätte, ist das Thema Bewegung. Denn durch regelmäßige Bewegung passieren die besagten Erfolgsmomente immer öfter. So ist es zumindest bei mir: Ich kann mit den Händen wieder meine Zehen berühren, das Shaturanga in der Jivamukti-Klasse hat lange auf sich warten lassen, doch mittlerweile bin is so routiniert, dass ich gar nicht mehr drüber nachdenken muss und neulich bin ich dem Bus hinterhergelaufen, ohne dass ich danach hyperventiliert habe. Aber darum soll es hier nicht gehen. Ich bewege mich nicht, um das nächste Ziel zu erreichen, um besser, schneller, schlanker oder fitter zu werden – ich bewege mich, weil ich Lust drauf habe und ich den Ausgleich brauche.

Besonders an meinem Wochenende auf dem Land, das ich zusammen mit Adidas und Zalando unter dem Motto ‘Move to Reconnect’ verbracht habe, ist mir aufgefallen, dass wir Bewegung immer weniger machen, weil wir es wollen, sondern weil wir das Gefühl haben, es machen zu müssen. Wir müssen aufhören über Bewegung als etwas nachzudenken, was wir abhaken und hinter uns bringen müssen und anfangen wieder mehr auf unseren Körper zu hören. Wenn wir aufhören würden den Gym- oder Studio-Besuch auf unsere To-Do-Liste zu schreiben, uns Vorwürfe zu machen, wenn wir nicht gehen und ihn als Zwang zu betrachten, können wir die Idee der Reinigung, des Kopf-Frei-Kriegens, der Auslastung, die dahinter steckt, wiederentdeckten. Für mich geht es darum auf meinen Körper zu hören, ihn zu fühlen und zu verstehen – ein Körper, der den ganzen Tag am Schreibtisch sitzt und der wenig Bewegung bekommt. Für mich geht es darum auf meinen Geist zu hören – ein Geist, der konstant online ist, der im Hinterkopf Listen schreibt und nie für sich selbst ist. Laufen zu gehen, Yoga zu machen, ins Crossfit zu gehen, zum Kickboxen oder Krav Maga zu gehen, auf das Laufband zu steigen, die Boulder-Wand hochzuklettern oder sich die Spitzenschuhe umzubinden. Dies sind alles Dinge, die uns für eine kurze Zeit den Alltagsstress vergessen lassen. Dinge, die uns stärker, und selbstbewusster fühlen lassen. Dinge, die uns helfen, wieder zu uns selbst zu finden – sich zu ‘reconnecten’. Statt auf das Häkchen in meinem Terminkalender stolz zu sein, bin ich nun stolz darauf, mir selbst etwas Ausgleich gegönnt zu haben.

3. Bucket-List

Wir kennen es alle: Wir überfüllen unseren Kalender mit Terminen, Lunch-Dates, Workouts und After-Work-Drinks. Und wenn wir dann ein kleines bisschen Zeit für uns selbst übrig haben, brauchen wir diese, um durchzuatmen, um zu entspannen, oder einfach zu schlafen. Dabei bleiben so viele Dinge liegen, die wir uns mal vorgenommen hatten. Ich habe alleine vier verschiedene To-Do-Listen mit Dingen, die ich gerne machen möchte – nicht muss, sondern möchte. Wollte ich nicht eigentlich diesen Monat unbedingt zum Friseur, ins Nagelstudio, zu einer Gesichtsbehandlung, oder ins Spa? Werde ich jemals das Restaurant testen, dass schon seit Monaten auf meiner Food-Bucket-List steht? Warum hab ich immer noch keine Vorhänge in meiner Wohnung, obwohl ich vor über einem halben Jahr eingezogen bin? Wieso hab ich es nicht zu dem Theaterstück geschafft von dem alle geredet haben? Wieso ist diese Ausstellung schon vorbei, in die ich unbedingt gehen wollte? Wir schieben Dinge auf, weil sie uns nicht wichtig genug erscheinen. Und wer weiß, vielleicht sind sie es auch nicht. Aber etwas zu tun, was man schon immer mal tun wollte, fühlt sich gut an. Es fühlt sich gut an, mal wieder reiten zu gehen. Es fühlt sich gut an, das Ottolenghi-Rezept endlich ausprobiert zu haben. Es fühlt sich gut an, den Balkon endlich Sommer-ready zu machen. Danach entspannt es sich noch viel besser. Und wofür machen wir das? Ganz allein für uns selbst.

4. Nichtstun

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ein Self-Care-Programm muss nicht aus Bildung, Bewegung und Bucket-Listen bestehen. Es geht darum, dass ihr in euch hineingehört und versucht genau das zu machen, was für euch gerade richtig ist, ohne darauf zu achten, was von euch erwartet wird. Wir müssen uns nicht darüber definieren, wie effektiv wir unser Allein-Sein genutzt haben. Der MeMonday, oder MeDay ist nicht zum Abhaken da.

Wir kommen also zu unserem letzten Punkt, dem Nichtstun. Nichts zu tun ist schwierig, nichts zu tun fühlt sich komisch an, ja, das Nichtstun ist selten Teil unserer Alltagsrealität. Dabei ist es so wichtig, sich mal treiben zu lassen. Wir lernen, wir kreieren, wir trainieren… Bei der ganzen Auswahl an Dingen, die wir machen können, vergessen wir manchmal, einfach für sich selbst zu sein. Mal niemanden um sich herum zu haben, mal ohne mediale Beschallung zu existieren. Das letzte Mal haben wir wahrscheinlich im Teenager-Alter ein komplettes Album durchgehört und dabei unseren Gedanken nachgehangen, Tagebuch geschrieben oder ein Bild gemalt. Wir sollten das viel öfter machen: Allein mit seinen Gedanken sein, sich selbst reflektieren und sich selbst besser kennenlernen. Deswegen haben wir uns vorgenommen, uns Zeit für uns selbst zu nehmen. Jeder Montagabend ist für uns ab jetzt ein Me-Monday, und wenn jemand fragt, ob wir am Montagabend etwas machen wollen, lassen wir uns keine Ausrede einfallen, sondern sagen: “Nein, danke. Ich fühle mich heute danach Nichts zu tun.”

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